Vom
KdF-Wagen zum Weltmeister
Der VW Käfer war
einzigartig: Schon als er seine größten Erfolge feierte, galt er als
hoffnungslos veraltet und doch fuhr er mit heiserem Getucker in aller
Welt von Erfolg zu Erfolg und erlangte einen unvergleichbaren
Kultstatus.
 |
 |
 |
 |
|
Der Reichsverband
der Automobilindustrie gab bei Ferdinand Porsche die Entwicklung
eines "Volkswagen" in Auftrag: Der VW 3, ein Prototyp aus dem
Jahr 1935/36 |
Prototyp VW 30 aus
dem Jahre 1937: Hitler war begeistert und taufte das Auto auf
KdF-Wagen |
Der Prototyp des
Käfer Cabrio wurde 1938 präsentiert: Gebaut wurden nur zwölf
Exemplare |
Die typische
Käfer-Form entsteht: 1938 weist die Serie 38 erstmals das
charakteristische Brezelfenster, Trittbretter und Stoßstangen
auf |
 |
 |
 |
 |
|
Während des
Krieges wurden 60.000 Schwimm- und Kübelwagen für den
Fronteinsatz gebaut: Volkswagen Typ 166, Baujahr 1944 |
Kommandeurswagen
aus dem Jahr 1946: Der militärische Käfer wurde von den
Engländern in neun Exemplaren gefertigt |
Am 5. August 1955
läuft der millionste Käfer vom Band: Der VW erhält Neuerungen
wie ein PVC-Schiebedach und Doppelauspuff |
Ein letzter
Triumph: Der 20-millionste Käferlief am 15. Mai 1981 in Mexiko
vom Band |
Wolfsburg - Millionen von Menschen haben sich in eisigen Wintern
gefragt, ob es so schwer sein kann, eine vernünftige Heizung in ein Auto
einzubauen. Unzählige Familien sind an dem Versuch gescheitert, ihr
Urlaubsgepäck in ihm zu verstauen - und doch haben sie alle ihn
irgendwie geliebt. Jetzt allerdings geht die Erfolgsgeschichte des
Volkswagens zu Ende: Nach fast 70 Jahren und mehr als 22 Millionen
gebauten Exemplaren wird in diesem Sommer das letzte Exemplar im VW-Werk
Puebla in Mexiko gebaut.
Begonnen hatte alles in den dunklen Zeiten des Dritten Reiches mit einem
"Exposé, betreffend den Bau eines deutschen Volkswagens", verfasst vom
Konstrukteur Ferdinand Porsche. Der hatte schon 1931 für die Firma
Zündapp einen Heckmotor-Wagen entwickelt und danach für NSU weiter an
seinen Ideen gefeilt. Doch auf die Straße kam keines der Projekte. Nun
aber stießen seine Pläne auf so viel Interesse, dass der Reichsverband
der Automobilindustrie am 22. Juni 1934 mit Porsche einen Vertrag
schloss. Das Ziel war die Entwicklung eines Volkswagens im wahrsten
Sinne des Wortes
Der erste Prototyp wurde
1935 fertig. Ende 1936 starteten drei Probe-Exemplare zu ausgedehnten
Testfahrten. Auch wenn sich diese Fahrzeuge noch von dem unterschieden,
was später einmal der Käfer werden sollte, waren das ebenso geniale wie
einfache Prinzip der Konstruktion und die Grundidee der kugeligen Form
schon vorhanden. Im Februar 1937 begutachtete Adolf Hitler eines der
frühen Exemplare und zeigte sich angetan. Er hatte auch einen Namen für
das Auto des Volkes parat: "KdF-Wagen" sollte es heißen - KdF stand für
"Kraft durch Freude" und war ein Motto der so genannten Arbeitsfront,
einem von den Nationalsozialisten erzwungenen Zusammenschluss aller
Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände.
Damit
die Motorisierung des Volkes mit dem KdF-Wagen möglichst zügig
vonstatten ging, wurde am 26. Mai 1938 der Grundstein für ein
Automobilwerk bei Fallersleben gelegt. Bei der Gelegenheit stellte
Ferdinand Porsche auch vor, was sich aus dem Urmodell des Volkswagens so
alles machen ließ - neben der geschlossenen Limousine wurden ein Modell
mit Rolldach und sogar ein Cabriolet präsentiert. Die Deutschen zeigten
sich entzückt von den Autos - und von der Möglichkeit, die 990
Reichsmark für ihren KdF-Wagen anzusparen. Mehr als 300.000 Menschen
sollen bis Kriegsende Raten für ihren Wagen anbezahlt haben. Bekommen
hat jedoch niemand etwas für das Geld.
Der
Zweite Weltkrieg lenkte die Gedanken in andere Richtungen - die des
Volkes wie die der Verantwortlichen für den Autobau. Denn obwohl zuvor
vollmundig vom Bau von bis zu 500.000 Volkswagen jährlich gesprochen
wurde, verließen in den kommenden Jahren nur einige Hundert zivile
Exemplare das neue Werk. Stattdessen wurde die Technik für
Militärfahrzeuge genutzt. Rund 60.000 Kübelwagen und Schwimmwagen mit
Volkswagen-Herz kamen an den Fronten zum Einsatz.
Am Ende des Krieges 1945
lag ein Großteil des Werkes nach Bombenangriffe in Schutt und Asche -
aber zumindest bekam der neu erschaffene Ort, an dem mittlerweile rund
17.000 Menschen lebten, endlich einen Namen: Wolfsburg. So langsam kam
auch der fast schon tot geglaubte Volkswagen wieder ins Laufen. Bereits
1947 begann der Export einiger Exemplare in die Niederlande, 1949
erreichten die ersten Käfer die USA - jenes Land, das dem deutschen Auto
überhaupt erst jenen Namen verpasste, der heute so geläufig ist. "Beetle"
nannten die Amerikaner ihn - Käfer. Die Bezeichnung soll erstmals 1938
von der Zeitung "New York Times" verwendet worden sein.
Von da
an ging es bergauf. Und das, obwohl selbst der damalige Volkswagen-Chef
Heinrich Nordhoff schon kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 1948 mit
der Aussage zitiert wurde, man baue da ein Auto, das "so viel Fehler wie
ein Hund Flöhe hat". Das hatte zur Folge, dass am Käfer über die Jahre
so viel verändert und verbessert wurde wie an kaum einem anderen Auto -
mit dem Ergebnis, dass ein Käfer der siebziger Jahre bis auf das
Bauprinzip und den Wiedererkennungswert der Form nichts mehr mit seinen
Urahnen gemein hatte.
Der Käfer nach
1951
1951
bemerkte VW-Direktor Nordhoff, dass der Marktanteil des Käfers langsam
fiel. Das war kein Wunder, schließlich wurde der Käfer technisch und
optisch seit 1938 nicht entscheidend geändert. Nordhoff ließ darauf
sowohl einen Käfer-Nachfolger bei Porsche entwickeln als auch den
betagten Käfer völlig überarbeiten. Mit 500 Änderungen entstand
praktisch ein völlig neues Käfer-Modell mit moderner Technik, aber
alter, vertrauter Linienführung. Nachdem Nordhoff den neuen Käfer
gesehen und gefahren hatte, entschied er sich, nicht den
Käfer-Nachfolger, sondern den "Volkswagen in der neuen Ausführung" ab
dem 1.10.1952 zum Verkauf anzubieten.
Es wurde
ein großer Erfolg für VW. Vorallem die weichere Federung, das
Teilsynchrongetriebe, die Ausstellfenster, die stabileren Stoßstangen
sowie die breiteren Reifen sorgten für ein steiles Ansteigen der
Verkaufszahlen. Nordhoff sah sich daher in seiner Strategie bestätigt,
keinen neuen Wagen herauszubringen, sondern vielmehr den erfolgreichen
Käfer "ständig auf den Stand der Technik zu verjüngen". Da dieses Modell
die moderne Käfertechnik mit dem geteilten Heckfenster der alten Käfer
verbindet, nennt man es in Fachkreisen "Zwitter".
Am
10.3.1953 entfiel der Mittelsteg des Heckfensters zugunsten eines
durchgehenden, gewölbten Rückfensters. Aus dem "Zwitter" wurde der
"Ovalkäfer". Diese Maßnahme war zwar schon für einen früheren Zeitpunkt
geplant, doch erst jetzt war es in Deutschland möglich, gewölbte
Autoscheiben zu erschwinglichen Preisen herzustellen.
Am
21.12.1953 wurde die Motorleistung von bisher 24,5 PS auf 30 PS erhöht.
Diese Erhöhung war erforderlich geworden, da Konkurrenzfahrzeuge wie
Opel Olympia oder Ford Taunus inzwischen deutlich gestiegene
Motorleistungen aufwiesen. Damit "geht der große Wunschtraum aller
sportlich eingestellten VW-Fahrer in Erfüllung". Die Verkaufszahlen
stiegen weiter. Ende 1955 wurde der millionste Käfer gebaut. Der Käfer
dominierte die untere Preisklasse. Bis Ende der 50er Jahre gab es nur
Kleinwagen, die billiger als der Käfer waren (z.B. Lloyd 400, Goggomobil,
BMW Isetta). In der Preisklasse des Käfers aber gab es kein
vergleichbares Auto.
Die
nächste Käfergeneration, der "Rechteckkäfer" mit großem Heckfenster und
vergrößerter Frontscheibe, wurde ab 1.8.1957 produziert. Doch der große
Erfolg des Käfers ließ die Konkurrenz nicht ruhen. Im April 1959
erschien der NSU Prinz 30, im August 1959 der BMW 700, der DKW Junior
sowie der Lloyd Arabella. Alle diese Fahrzeuge in der Preisklasse des
Käfers waren stärker motorisiert als der Käfer, hatten
Vollsynchrongetriebe, Blinker und - abgesehen vom NSU-Prinz - auch einen
richtigen Kofferraum.
Nordhoff
reagierte auf diese Konkurrenz mit weiteren Verbesserungen am Käfer: Am
1.8.1960 wurde die Motorleistung auf 34 PS erhöht, der vordere
Kofferraum vergrößert und Blinker, Scheibenwaschanlage, asymmetrisches
Licht sowie ein Vollsynchrongetriebe eingeführt. Der Käfer wurde durch
diese Maßnahmen in den Augen der Käufer wieder konkurrenzfähig.
Abgesehen von der inneren Sicherheit war damit im wesentlichen der
technische Standard erreicht, der bis zum offiziellen Verkaufsende in
Deutschland 1985 gehalten wurde.
Mit dem
Erscheinen des Opel Kadett B, der stärker motorisiert war, ein besseres
Fahrverhalten zeigte und auch über einen größeren Kofferraum verfügte,
erhielt der VW-Käfer ab 1965 einen ernstzunehmenden Konkurrenten von
einem renomierten Automobilhersteller. VW reagierte auf diese
Herausforderung mit einem völlig überarbeiteten VW-Käfer mit senkrecht
stehenden Scheinwerfern und verbesserter innerer Sicherheit, der ab
1.8.1967 angeboten wurde.
Im
August 1970 wurde sogar ein ganz neues Käfermodell vorgestellt: der VW
1302. Dieser war mit einer raumsparenden Federbein-Vorderachse sowie
einer Schräglenker-Hinterachse ausgestattet. Mit diesen Verbesserungen
und einer bis auf 50 PS weiter gesteigerten Motorleistung wurde das
Fahrverhalten, die Beschleunigung, der Kofferraum, leider aber auch
Benzinverbrauch und Motorverschleiß auf einen bisher beim Käfer
unbekannten Standard angehoben. Der VW 1302 war kein billiges, sondern
ein aufwendig gebautes Fahrzeug. Und so wurde neben dem fahrtechnischen
auch der qualitative und preisliche Unterschied zum Opel Kadett deutlich
verringert.
Noch
einmal gab es einen kurzen Anstieg der Verkaufszahlen, und am 17.2.1972
übertraf der VW-Käfer sogar die Verkaufszahl des Ford Modell T und wurde
Weltmeister. Doch darf dieser Erfolg nicht darüber hinwegtäuschen, daß
seit 1971 die Verkaufszahlen des Käfers permanent fielen. Hieran konnte
auch das nächste Käfermodell, der VW 1303 nichts ändern, der ab August
1972 den VW 1302 ablöste und mit dem der Käfer seinen technischen
Höhepunkt erreichte. Trotz dessen neuer spielfreier Zahnstangenlenkung,
der gewölbten Panoramafrontscheibe und dem neuen Armaturenbrett mußte
selbst VW zugeben, daß der Käfer inzwischen hinsichtlich
Fahreigenschaften, Innenraum, Benzinverbrauch und Motorleistung nicht
mehr konkurrenzfähig war. Doch blieb der VW Käfer bis 1974 das
meistverkaufte Auto des Jahres in Deutschlands.
Ab
August 1974 gab es für 5 DM Aufpreis gegenüber dem VW 1303 Konkurrenz
aus dem eigenen Hause: der VW-Golf. Ohne Zweifel war der VW-Golf ein
praktischeres Auto als der Käfer und wies auch bessere
Fahreigenschaften, Innenabmessungen, Motorleistung sowie einen erheblich
niedrigeren Benzinverbrauch auf. Dennoch: der eigentliche Todesstoß für
die großen Käfer kam in Form der Ölkrise 1974. Niemand wollte zu diesem
Zeitpunkt mehr einen „Säufer“ kaufen, und so mußte deshalb der VW 1303
bereits 1975 aufgegeben werden.
Unter
diesen Bedingungen erzielte der immer noch gebaute, einfachere VW 1200
mit kraftstoffsparenden 34 PS wieder bessere Verkaufsresultate. Zu
Recht, denn dieser Wagen war konkurrenzlos billig - billiger als der
VW-Polo - und deshalb der ideale Wagen für den kleinen Geldbeutel. Doch
die Zeiten hatten sich inzwischen geändert. Man war anspruchsvoller
geworden, verlangte mehr Motorleistung, Platz und Fahrkomfort. Da
genügte in den meisten Fällen ein VW-Käfer nicht mehr, auch wenn das
Fahren mit ihm noch so viel Spaß machte. Die Verkaufszahlen blieben also
bescheiden. Aus diesem Grund wurde die Käferproduktion in Deutschland am
19.1.1978 zugunsten der besser verkäuflichen neuen wassergekühlten
Modelle eingestellt. Um aber die immer noch bestehende Nachfrage nach
dem Käfer zu befriedigen, wurden Fahrzeuge aus Mexiko per Schiff nach
Deutschland transportiert.
Der
Mexiko-Käfer war ein Käfermodell, welches zwar nicht an den VW-
Qualitätsstandard der 50er und 60er Jahre heranreichte, jedoch
zuverlässig und alltagstauglich war und viel Fahrvergnügen bereitete. Er
wurde deshalb vor allem von jungen Leuten gefahren. Da jedoch jedes Jahr
nur rund 10000 Fahrzeuge in Deutschland verkauft wurden, wurde der
Import nach Deutschland 1985 offiziell eingestellt. In Brasilien und
Mexiko läuft die Käfer-Produktion aber immer noch weiter.
Wer ab
1986 in Deutschland einen neuen Käfer haben wollte, mußte sich an
spezielle Importeure wenden, die Neufahrzeuge mit geregeltem Katalysator
zwischen etwa 16000 DM und 20000 DM annoncierten. Doch dann trat Anfang
der 90er Jahre ein Preissturz ein: Neue aus Mexiko importierte VW-Käfer
wurden von verschiedenen Importeuren, VW-Händlern und sogar einer
Supermarktkette ab 14500 DM angeboten und auch verkauft. Der Käfer ist
55 Jahre nach dem Beginn seiner Serienproduktion immer noch in
Deutschland verkäuflich.
Das
VW-Werk plante deshalb, den VW-Käfer ab 1994 wieder in Deutschland
anzubieten und hatte bereits ein entsprechendes Fahrzeug für die IAA in
Frankfurt bereitgestellt. Doch als die Kosten für die Umrüstung der
Mexiko-Käfer auf die deutschen Zulassungsvorschriften bekannt wurden,
wurde dieses Projekt wieder gestoppt.
Der Käfer in
Mexiko
In
Mexiko produzierte Volkswagen de Mexico den Käfer seit 1964. 1981 wurde
dort der 20-millionste Käfer gebaut. Während der Käfer in Deutschland
immer wieder an der Karosserie aufgefrischt wurde, blieb der
Mexiko-Käfer in dieser Hinsicht hinter den heimatlichen Ausführungen
zurück. Von 1971 bis 1985 besaß er die kleinere Heckscheibe, die in
Deutschland bereits 1971 durch eine größere ersetzt worden war, und 1985
erhielt er die größeren Scheiben rundum, wie sie der VW 1200 in
Deutschland bereits seit 1972 hatte. Ab 1981 besaß der Käfer in Mexiko,
der im Volksmund „Vocho“ genannt wird, eine elektronische Zündung und ab
1991 einen Einspritzmotor sowie Katalysator. In Mexiko wird der Käfer
sehr häufig als Taxi eingesetzt. Um dem Fahrgast einen bequemeren
Einstieg in die enge zweitürige Kabine zu ermöglichen, wurde meist der
Beifahrersitz ausgebaut. Die angebliche Einführung einer neuen
mexikanischen Taxi-Verordnung zur Vorbeugung gegen Überfälle, nach der
nur noch viertürige Fahrzeuge zugelassen werden sollten, trug angeblich
zum Produktionsende des Käfers bei. Tatsächlich gibt es in Mexiko bis
heute allerdings kein Gesetz, das vorschreibt, dass Taxis viertürig sein
müssen. Im Juli 2003 wurde die Produktion in Mexiko in erster Linie
wegen der strenger werdenden Abgasvorschriften eingestellt.
|