Der Nationalsozialismus ist eine radikal
antisemitische,
antikommunistische und
antidemokratische
Weltanschauung
und
politische Bewegung, die in
Deutschland nach dem
Ersten Weltkrieg entstand. Seine in der
Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)
organisierten Anhänger gelangten unter
Adolf Hitler 1933 zur Herrschaft und errichteten eine
totalitäre
Diktatur, den „Führerstaat“
bzw. das „Dritte
Reich“. Sie vollzogen seit 1939 die Eroberungskriege, die
den
Zweiten Weltkrieg auslösten, und verübten die Verbrechen des
Holocaust.
Ihre Herrschaft endete mit der
bedingungslosen Kapitulation der
Wehrmacht am 8. Mai 1945.
In verschiedenen
rechtsextremistischen Parteien und Gruppen leben
nationalsozialistische Ideen und Ziele als
Neonazismus bis heute fort. Ihre
Propaganda und politische Organisation – auch mit den
damaligen Symbolen – ist in der
Bundesrepublik Deutschland als
Volksverhetzung und in
Österreich als
Wiederbetätigung strafbar. In weiteren Staaten bestehen
ähnliche Verbote.
Begriff
Die
Propagandabezeichnungen „Nationalsozialismus“ und „Nationaler
Sozialismus“ entstammen der Programmatik der 1919
gegründeten
Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die sich 1920 in NSDAP
umbenannte.
Schon im Mai 1918 benannte sich die 1903 in Österreich
gegründete Deutsche Arbeiterpartei in
Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) um.
Ihre Anhänger wurden „Nationalsozialisten“ oder in der Regel
abwertend kurz „Nazis“
genannt.
Beide Parteien stellten den „Nationalen Sozialismus“ gegen den
internationalen Sozialismus der
Sozialdemokratie.
Sie verbanden einen völkisch-rassistischen
Nationalismus mit einzelnen, dem
Sozialismus entlehnten, antikapitalistischen Forderungen.
Damit grenzten sie sich von konservativen und linksgerichteten
Parteien ab und boten ihren Wählerschichten – Arbeitern und
Mittelstand – eine Alternative. Zudem stellten die deutschen
Nationalsozialisten sich seit 1920 als „Bewegung“, nicht als
Partei dar, um so
Protestwähler und Politikverdrossene zu erreichen.
Heute bezeichnet der Begriff meist die besondere Ideologie Adolf
Hitlers und seiner Gefolgschaft in der NSDAP. Dabei definierte
Hitler die Begriffe Nationalismus und Sozialismus
auf ungewöhnliche Art und Weise: Nationalismus nannte er die
Hingabe des Individuums für seine Volksgemeinschaft, während er
Sozialismus als Verantwortung der Volksgemeinschaft für das
Individuum definierte. Besonders die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel, die ein Hauptziel originärer Sozialisten
war und ist, lehnte Hitler entschieden ab.
Zudem wollten die Ideologen der NSDAP sich mit dem Begriff
Nationalsozialismus vom italienischen
Faschismus unterscheiden. Der Faschismusbegriff wurde jedoch
vor allem in der
Sowjetunion seit 1925, nach 1945 im ganzen
Ostblock, aber auch in westdeutschen Forschungsansätzen, als
gemeinsamer Oberbegriff für den Nationalsozialismus
(„Hitlerfaschismus“), den italienischen Faschismus und andere
ihnen verwandte antikommunistische Ideologien, Regimes und
Systeme verwendet. Vor allem von
marxistischen Forschern wird der Nationalsozialismus als
eine Spielart des Faschismus subsumiert, womit in den
verschiedenen
Ausprägungen dieser Theorie eine diktatorische
bürgerliche
Klassenherrschaft gemeint ist.
Besonders in den
USA, teilweise auch in der Bundesrepublik, wurde der
Nationalsozialismus nach 1945 als eine Form von
Totalitarismus begriffen. Die Totalitarismustheorie stellt
ihn mit Ideologie und System des
Stalinismus auf eine Ebene und betont deren gemeinsame
Herrschaftsformen. Die verallgemeinernden Einordnungen als
Faschismus und Totalitarismus werden in der Forschung kontrovers
diskutiert, vielfach wird der Nationalsozialismus als
eigenständiges und singuläres Phänomen betrachtet. Der Begriff
Nazismus kann als eingedeutschte Version des
englischen Wortes nazism gesehen werden. Seine
Verwendung war in der
Deutschen Demokratischen Republik, nicht der
Bundesrepublik Deutschland üblich.
Anhänger des Nationalsozialismus, die aufgrund ihres
Lebensalters nicht Mitglied der NSDAP gewesen sein konnten,
werden im
Nachkriegsdeutschland oft mit der abwertenden Kurzform
Neonazi bezeichnet.
Entstehung
Das Gedankengebäude des Nationalsozialismus entstand nach dem
Ersten Weltkrieg als Verschmelzung von Ideologemen und
Zielen mehrerer älterer Gruppen aus der
Völkischen Bewegung des
Deutschen Kaiserreichs und der
Österreich-Ungarischen Monarchie. Dazu gehörten u.a.
-
rassistische und okkulte, sektenartige Vereine, die,
ausgehend von den österreichischen
Ariosophen
Guido von List und
Lanz von Liebenfels seit 1900 gegründet worden waren:
u.a. die
Guido-von-List-Gesellschaft (1905) oder die
Armanenschaft (gegründet 1907). Aus diesen stammten u.a.
Runensymbole und das
Hakenkreuz. Sie vertraten auch Ideen wie die
„Menschenzucht“ von „Ariern“.
-
betont
antisemitische, auf kommunaler Ebene überparteilich
organisierte Vereine und Verbände, vor allem der
Reichshammerbund von
Theodor Fritsch. In seinem Umfeld hatte sich nach der
Niederlage der Antisemitenparteien bei den Reichstagswahlen
von 1912 auch ein
Verband gegen die Überhebung des Judentums gegründet.
Zum Reichshammerbund gehörte der geheime
Germanenorden, aus dem 1918 die Münchner
Thulegesellschaft hervorging. Aus ihrer Zeitschrift, dem
Münchener Beobachter mit dem Hakenkreuz als
Titelsymbol, wurde das Parteiorgan der NSDAP
Völkischer Beobachter. Die Thulegesellschaft finanzierte
die DAP, unterstützte in ihr Funktionäre wie Adolf Hitler
und inszenierte 1923 den
Hitler-Ludendorff-Putsch mit. Sie förderte so den
Aufstieg der NSDAP von einer bayerischen Splitterpartei zu
einer reichsweit organisierten Massenpartei.
-
radikal-nationalistische und imperialistische Verbände wie
der 1891 gegründete
Alldeutsche Verband. Er verstand sich unter
Heinrich Claß als überparteiliche Sammlungsorganisation
und vertrat die Erweiterung des deutschen „Lebensraums“
durch kriegerische Expansions- und Unterwerfungspolitik. Er
gewann im Verlauf des Ersten Weltkriegs trotz geringer
Mitgliederzahl großen publizistischen Einfluss und war
Hauptinitiator der
Judenzählung von 1916. Nach 1918 forderte er eine
„nationale Diktatur“ gegen „Fremdvölkische“.
-
ältere
antisemitische Verbände und Parteien wie der
Deutschnationale Handlungsgehilfenverband und die
Deutschvölkische Partei, gegründet 1914 als Vereinigung
zweier Antisemitenparteien. Sie vereinte sich im
Kriegsverlauf mit dem Alldeutschen Verband. Auf dessen
Initiative hin vereinten sich gegen Kriegsende aufgelöste
mit neugegründeten völkischen Gruppen wie dem
Deutsch-Österreichischen Schutzverein Antisemitenbund,
der Deutschvölkischen Beamtenvereinigung und dem
Bund völkischer Frauen zum
Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Dieser hatte
1920 rund 200.000 Mitglieder in 600 Ortsgruppen, wurde aber
nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch verboten. Nach der
Wiederzulassung der NSDAP verlor er ihr gegenüber an
Einfluss und wurde 1933 ganz aufgelöst.
Zu den geistig-politischen Wurzeln dieser Gruppen zählten der
Rassismus,
Militarismus und
Imperialismus, die sich in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts besonders im Kaiserreich und in Österreich
verbreiteten und schubweise zunahmen. Das stärkste tragende
Bindeglied ihrer heterogenen Ideologien war jedoch der
Antisemitismus, der sich im Verlauf der
Novemberrevolution von 1918 und in den Folgejahren zugleich
als radikale Ablehnung der
Weimarer Verfassung äußerte. Die Weimarer Republik wurde
dort allgemein als von
Novemberverbrechern geschaffene „Judenrepublik“ denunziert.
Die Völkischen definierten ihre Weltanschauung als strikten
Gegensatz zum
Marxismus der Linksparteien, zum politischen
Katholizismus der
Zentrumspartei und zu ihrer Fiktion eines „Weltjudentums“.
Programmatik
25-Punkte-Programm
Der Nationalsozialismus bildete als Sammelbewegung völkischer,
rassistischer und revisionistischer Gruppen zunächst keine
konsistente Ideologie.
Hans Frank erklärte daher später in den
Nürnberger Prozessen, es habe „so viele Nationalsozialismen
wie Nationalsozialisten“ gegeben. Doch das bei der Gründung der
NSDAP 1920 beschlossene
25-Punkte-Programm sollte über seine praktische Erfüllung
hinaus gelten, war also zugleich Ausdruck dauerhafter
nationalsozialistischer Weltanschauung.
An erster Stelle standen außenpolitische Ziele. Aus dem
„Zusammenschluss aller Deutschen... zu einem Groß-Deutschland“
mit Berufung auf das
Selbstbestimmungsrecht der Völker leitete Punkt 2 die
Aufhebung des
Versailler Friedensvertrages, Punkt 3 „Land und Boden
(Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres
Bevölkerungsüberschusses“ ab. Dem folgten innenpolitische
Forderungen nach Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsteile durch
eine rassistische Fremdengesetzgebung:
Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse
kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf
die Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.
Daraus folgerte Punkt 6 den Ausschluss von Juden aus allen
Staats- und Parteiämtern, Punkt 8 ein Einwanderungsverbot und
sofortige Zwangsausweisung aller als „Nichtdeutsche“ definierten
Personen, die seit 2. August 1914 eingewandert waren.
Die Leitidee der rassischen
Volksgemeinschaft wurde also nach außen expansiv, nach innen
als Entrechtung eines Teils der Deutschen ausformuliert. Dem
folgten in Punkt 9-17 einige plakative und ressentimentgetränkte
wirtschafts- und sozialpolitische Forderungen, die den Anspruch
der Partei, die Interessen deutscher Arbeiter zu vertreten,
zeigen sollten:
-
allgemeine Arbeitspflicht
-
„Abschaffung des Arbeits- und mühelosen Einkommens“
-
„Brechung der Zinsknechtschaft“
-
„Einziehung aller Kriegsgewinne“
-
„Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten
(Trusts) Betriebe“
-
„Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“
-
„Ausbau der Altersversorgung“
-
„Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung“
-
„Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre Vermietung
zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende“
-
„eine
unentgeltliche Enteignung von Boden für gemeinnützige
Zwecke“
-
„Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder
Bodenspekulation“.
Punkt 18 forderte die
Todesstrafe für „gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber
usw... ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse“: erneut ein
deutlicher Hinweis auf die gemeinte Zielgruppe, die Juden. Punkt
19 forderte den Ersatz eines angeblich „materialistischen“
römischen Rechtes durch ein „deutsches Gemeinrecht“.
Der Idee einer Einheit von Volk und Staat folgten Forderungen
nach staatlichem Ausbau der Volksbildung (20), „Hebung der
Volksgesundheit“ durch „körperliche Ertüchtigung“ (21), Bildung
eines „Volkesheeres“ (22). Die angestrebte Abschaffung der
Pressefreiheit und Einführung von
Pressezensur wurde als „gesetzlicher Kampf gegen die bewußte
politische Lüge und ihre Verbreitung“ (23) bemäntelt. Indem nur
„Volksgenossen“ Zeitungsredakteure und Verlagseigentümer sein
sollten, zeigte sich auch hier ein antisemitischer Impuls: Der
Topos von der „jüdischen Weltpresse“ war unter Antisemiten seit
langem üblich. Zugleich sollte auch Kunst und Kultur von dem
„zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben“ gereinigt werden:
Dem entsprach die NS-Kulturpolitik gegen die
Entartete Kunst.
Im scheinbaren Widerspruch dazu bekräftigte Punkt 24 die
Religionsfreiheit „im Staat“, allerdings nur, „soweit sie
nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und
Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.“ Mit dem
Bekenntnis zu einem „positiven
Christentum“ ohne Bindung an eine bestimmte
Konfession, aber in einheitlicher Frontstellung gegen einen
„jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns“ war eine
Voraussetzung für den späteren
Kirchenkampf genannt. Die spätere antichristliche
Einstellung der SS widersprach diesem Programmpunkt
offensichtlich.
Das Programm gipfelte in der Parole „Gemeinnutz vor Eigennutz“
und der Forderung nach einer „starken Zentralgewalt des
Reiches“, deren in „unbedingter Autorität“ erlassene
„Rahmengesetze“ neugebildete Stände- und Berufskammern in den
Bundesstaaten durchführen sollten. Damit deutete sich die
spätere
Gleichschaltungspolitik gegenüber föderalen Institutionen
schon an. Die Parteiführer würden „wenn nötig unter Einsatz des
eigenen Lebens“ für die Programmverwirklichung eintreten.
Während die außen- und innenpolitischen Hauptforderungen in
Punkt 1-8 präzise und konkret formuliert waren und tatsächlich
ab 1933 staatlich großenteils umgesetzt wurden, blieben viele
der wirtschafts- und kulturpolitischen Forderungen in Punkt 9-20
vage (11), unklar (13), skurril (etwa die Behauptung eines
„römischen“ Rechts in Punkt 19) oder praktisch unrealisierbar
(etwa der „Einzug aller Kriegsgewinne“ in Punkt 14). Diese
Unklarheiten führten zu einer teilweise heftigen internen
Ideologiedebatte und verschiedenen Wirtschaftsprogrammen.
Otto Wagener etwa forderte die Unterstützung des
Mittelstandes,
Richard Walther Darré die der Bauern,
Gottfried Feder verlangte die von ihm erfundene „Brechung
der Zinsknechtschaft“. Hitler trug diesem Streit als
Parteiführer später zum Teil Rechnung, indem er einige
Programmforderungen revidierte, reduzierte oder ignorierte. 1928
reduzierte er die angekündigte Bodenreform auf Enteignung
„jüdischer“ Bodenspekulationsgesellschaften. Wie die
„Zinsknechtschaft gebrochen“ werden sollte, ließ er jedoch
offen.
„Mein Kampf“
In
Mein Kampf bekräftigte Hitler vor allem die außen- und
bevölkerungspolitischen Ziele des NSDAP-Programms, allen voran
den
Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich. Im
Unterschied zum Kaiserreich, das mit dem britischen Weltreich
als Kolonialmacht in Afrika und Fernasien zu konkurrieren
versuchte, wollte Hitler
Lebensraum nicht in Westeuropa und in Übersee, sondern in
Osteuropa gewinnen. Damit schloss er sich wahrscheinlich
geopolitischen Theorien von
Rudolf Kjellén,
Halford Mackinder und
Karl Haushofer an, die die Eroberung und Beherrschung der
Landmasse von „Eurasien“ als Schlüssel zur Weltherrschaft sahen.
Auch der mittelalterliche Mythos mancher Ordensritter von einem
deutschen „Drang nach Osten“ stand hinter dieser Idee.
Dabei dachte Hitler an „Russland und die ihm untertanen
Randstaaten“. Um sie zu erobern, wollte er zuerst den Versailler
Vertrag revidieren, dann Frankreich mit Hilfe eines Bündnisses
mit
Großbritannien und
Italien isolieren, später ganz vernichten. Damit revidierte
er Punkt 3 des NSDAP-Programms: Das Erobern von Kolonien würde
England zu Protesten herausfordern. Dessen Kolonialmacht müsse
Deutschland garantieren, dann würden die Briten es auf dem
Kontinent gewähren lassen. Polen erwähnte Hitler hier nicht,
auch die USA und Japan kamen nur am Rande vor. Diese Prioritäten
waren gegenüber den Vorlieben kaiserlicher Imperialisten neu.
Zur Wirtschaftspolitik äußerte sich Hitler in Mein Kampf
nur auf fünf Seiten. Den Punkt der Volksgesundheit dagegen
führte er breit aus und brachte dabei den auch die wirtschafts-
und kulturpolitischen Vorstellungen tragenden Rassismus der
NS-Ideologie deutlich zur Geltung. Seine beiden untrennbar
miteinander verknüpften Grundgedanken waren
-
die
These von höheren und niederen Rassen, die miteinander im
Kampf liegen
-
die
These, dass eine „Rassenvermischung“ schädlich für die
höhere Rasse sei und diese unweigerlich schwäche und
langfristig auflöse.
Diese Axiome hatten
Sozialdarwinisten und
Rassetheoretiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie
Francis Galton,
Ernst Haeckel,
Alfred Ploetz,
Wilhelm Schallmayer begründet. Neu war nur, dass „Rassenhygiene“
erstmals zum umfassenden politischen Programm gemacht wurde.
Hitler sah die „Arterhaltung“ als Hauptaufgabe des Staates und
folgerte, dass dieser die „unvermischten Bestände an
nordisch-germanischen Menschen“ im deutschen Volk konsequent
schützen und so „langsam aber sicher zur beherrschenden Stellung
emporführen“ müsse. Der starke Führerstaat müsse „den Sieg des
Besseren, Stärkeren“ und die Unterordnung des „Schlechteren und
Schwächeren“ fördern. Dies bedeutete konkret etwa
Zwangssterilisation von Behinderten und Erbkranken, zugleich
Kindergeld, billige Wohnungen und materielle Vergünstigungen für
„deutsche Familien“. Die „Träger höchster Rassenreinheit“
sollten ein „Siedlungsattest“ erhalten und in noch zu erobernden
„Randkolonien“ angesiedelt werden. Hitler betonte am Schluss
nochmals seine Zielvorstellung:
Ein Staat, der sich im Zeitalter der Rassenvergiftung der
Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages
zum Herrn der Erde werden.
Das Gegenbild zu dieser Vision bildete die
Verschwörungstheorie des Weltjudentums. Dieses sah Hitler
als Urheber aller negativen Zeiterscheinungen, etwa des Ersten
Weltkriegs, der Niederlage darin, der Novemberrevolution und der
Inflation. Dabei identifizierte er das Judentum sowohl mit dem
„Finanzkapital“ in den USA als auch mit dessen weltpolitischem
Gegner, dem „Bolschewismus“. Dieser globalen Übermacht scheinbar
widersprechend betonte Hitler jedoch zugleich die absolute
Minderwertigkeit und unterlegene Abhängigkeit der Juden von
ihren arischen „Wirtsvölkern“ und beschrieb sie als Schmarotzer,
Parasiten, Bazillen, Blutegel, Spaltpilze, Ratten usw. In allen
seinen Erscheinungsformen strebe das Judentum die „Zersetzung“,
„Bastardisierung“ und „Blutvergiftung“ des deutschen Volkes an:
etwa durch
Prostitution, Verbreitung von Geschlechtskrankheiten,
Verführung ahnungsloser arischer Mädchen. Dieses pornografische
Bild zu propagieren wurde Hauptaufgabe des eigens dazu
gegründeten Hetzblattes
Der Stürmer des Gauleiters von Franken, Julius Streicher.
Im zweiten Band von Mein Kampf sprach Hitler zuletzt auch
die Idee einer stellvertretenden, präventiven Judenvernichtung
offen aus:
Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges zwölf- oder
fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter
Giftgas gehalten, wie hunderttausende unserer allerbesten
deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde
erdulden mussten, dann wäre das Millionenopfer an der Front
nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken
zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million
ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutscher das Leben
gerettet.
Diese Aufgabe künftig zu vollstrecken, dazu sah Hitler sich von
der „Vorsehung“
– so sein Ausdruck für
Gott – bestimmt:
Indem ich mich des Juden erwehre, erfülle ich das Werk des
Herrn.
Deshalb spricht der Historiker
Saul Friedländer im Blick auf die nationalsozialistische
Bewegung und ihre unmittelbaren Vorläufer von einem besonderen,
über traditionelle christliche, aber auch völkische und
sozialdarwinistische Judenfeindschaft hinausgehenden
„Erlösungsantisemitismus“.
Führerkult und Führerstaat
In allen Staaten Europas gab es seit Beginn des 20. Jahrhunderts
starke Tendenzen zu autoritativen, antidemokratischen
Politikkonzepten, deren Akzeptanz sich nach 1918 auch aus
Enttäuschung über die pluralistische Demokratie und Massenelend
speisten. Als „Führerkult“ ließ sich schon die Verehrung des
Herrschers in einer
Monarchie, begründet etwa mit der Idee des
Gottesgnadentums, auffassen. Der Erste Weltkrieg enttäuschte
das Bild vom Heldenkaiser, verstärkte bei Nationalisten
aber noch die Sehnsucht nach dem heldischen Führer. Zu
einem parteipolitischen Konzept machte dies erst der
aufstrebende Faschismus: zuerst mit dem
Duce
Benito Mussolini in Italien, dann dem
Caudillo General
Franco in
Spanien, aber auch im Kult um „Väterchen“
Stalin in der Sowjetunion.
Anders als in Italien begann der Hitlerkult schon zehn Jahre vor
der
Machtergreifung nach dem Hitlerputsch von 1923, aus dessen
Scheitern Hitler folgerte, dass die NSDAP eine straff geführte
Führerpartei sein müsse und er selbst zu Deutschlands „Rettung“
bestimmt sei. Dem kam die Erwartung der Parteibasis an ihn
entgegen. Der deutsche Führerkult ging also mit der Entwicklung
der NSDAP zur Massenpartei einher und diente ihrer Integration,
Schlagkraft und Ausdehnung. Er wurde 1933 auch nicht wie in
Spanien oder Russland einer bestehenden zentralisierten
Militärdiktatur zu deren Absicherung aufgepropft, sondern zum
Organisationsprinzip eines durch ersatzlose Gleichschaltung
aller bestehenden Verwaltungs- und Regierungsinstitutionen
geschaffenen Führerstaates. Nach dem Tode des Reichspräsidenten
von Hindenburg (1934) wurde Hitler als Führer und
Reichskanzler auch oberster Befehlshaber der Wehrmacht; seit
1938 trat auch das Regierungskabinett nicht mehr zusammen.
Anders als in der Sowjetunion, die nach Stalins Tod noch
Jahrzehnte fortbestand, untergrub das Prinzip der
„charismatischen Führerpersönlichkeit“ (Max
Weber), die die rivalisierenden Kräfte in Staat und Partei
durch ihren „Willen“ lenkte und orientierte, das selbständige
Funktionieren der Bürokratie in Deutschland. Denn der lange Zeit
mit Führererlassen und -Verordnungen direkt regierte Staat
konnte Kriegsniederlage und Tod Hitlers nicht mehr überdauern.
Nach
Ian Kershaw stand und fiel der deutsche NS-Staat daher mit
der Person des Führers.
Weitere Merkmale und Entwicklungen der NS-Ideologie
Weitere Hauptmerkmale des Nationalsozialismus waren:
-
die
zentrale Rolle von
Propaganda und Massen-Inszenierungen
als Mittel zur Herrschaft und ihrer Sicherung nach innen und
außen.
-
Totalitarismus: Zerschlagung der
Demokratie, Einparteienherrschaft, Aufhebung der
Gewaltenteilung, Instrumentalisierung aller politischen
Kontrollinstanzen und Medien, weitreichende Vollmachten für
Geheimdienste und
Denunzianten,
Polizeistaat
-
Militarismus und Imperialismus: Schon während des Aufstiegs
der NSDAP wurden Waffenlager eingerichtet, bewaffnete
Schlägerbanden ausgebildet, die Straßengewalt einübten, um
politische Gegner einzuschüchtern. In den Jahren der
Weimarer Republik konzentrierte sich die
nationalsozialistische Propaganda zunächst auf den
Vertragsrevisionismus, also die Forderung nach
Wiederaneignung der infolge der deutschen Kriegsniederlage
verlorenen Gebiete und damit nach Aufhebung oder Bruch des
Versailler Vertrags. Dieser wurde als „Schmach von
Versailles“ oder „Versailler Schanddiktat“ diffamiert. Von
1933 an wurde Aufrüstung betrieben, zunächst geheim, dann
offen, und die vertraglichen Bindungen an
Völkerbund und
Völkerrecht erst unterlaufen, dann gebrochen. Sobald die
Wehrmacht stark genug sein würde, plante Hitler gezielte
Angriffskriege zur Wiederherstellung und Erweiterung eines
auf militärische Machtentfaltung gebauten Großdeutschlands.
Dabei sollte ein Land nach dem anderen isoliert und einzeln
niedergekämpft werden. Das Endziel war nach Meinung der
meisten Historiker die Eroberung des kontinentalen
Festlands, der Sowjetunion bis zur Linie
Archangelsk–Uralgebirge–Kaukasus sowie die Besiedelung
dieser Gebiete durch die Deutschen, andere Forscher glauben
Belege dafür zu haben, dass Hitler die (utopische)
Weltherrschaft anstrebte. Die Herrschaft über die
besetzten Gebiete sollte durch Vertreibung unerwünschter
Bevölkerungsgruppen gestärkt werden.
-
Der „Blut-und-Boden-Mythos“,
die Verherrlichung des Bauernstandes (des „Nährstands“).
Viele Nationalsozialisten lehnten die Verstädterung und die
zunehmende Industrialisierung ab und sehnten sich
nostalgisch nach einem Land, das wie eh und je von Bauern
bestellt wurde. Auch
Heinrich Himmler hatte solche Gedanken, als er
vorschlug, die eroberten Gebiete der Sowjetunion mit Bauern
zu besiedeln, die zugleich Soldaten („Wehrbauern“) sein
sollten. Russen, Ukrainer und Polen sollten die
Landarbeiter, das Hauspersonal, die Bauarbeiter oder die
Hilfsarbeiter stellen.
-
Die
Propagierung der
Herrenrasse bzw. des Herrenvolkes, die das Recht habe
andere minderwertige Völker zu unterdrücken.
-
Männerherrschaft und Männlichkeitskult, also Propagierung
von Werten wie
Tapferkeit und soldatischer Härte. „Weibliche Werte“
werden bei Männern als
Feigheit, Krankheit und „Zersetzung der Wehrkraft“
denunziert.
-
Verschwörungstheorie: Die
wahnhafte Idee, das internationale Judentum hätte sich
verschworen, um die
Weltherrschaft zu erringen, wird von verschiedenen
Historikern als Kern des Nationalsozialismus angesehen.
Diese Verschwörungstheorie tritt bereits in einem 1924 von
Dietrich Eckart veröffentlichten Gespräch mit Hitler zu
Tage, in dem eine ungebrochene Kontinuität der angeblichen
jüdischen Machenschaften vom zweiten vorchristlichen
Jahrtausend an behauptet wird.
In der Bildsprache der nationalsozialistischen Propaganda,
etwa in den Wahlplakaten vor 1933 oder in den Karikaturen
des
Stürmer wurde „der“ Jude regelmäßig in
verschwörungstheoretischen Metaphern wie dem Drahtzieher
hinter den Kulissen des Weltgeschehens oder der
weltumspannenden Krake oder Spinne dargestellt. Und während
des
Kriegs gegen die Sowjetunion begründete die Wehrmacht
die Umsetzung der verbrecherischen Befehle wie des
Kommissarbefehls oder des
Kriegsgerichtsbarkeitserlasses verschwörungstheoretisch
mit der These vom
Jüdischen Bolschewismus: Hinter dem Sowjetsystem stehe
in Wahrheit das Judentum. So wies
General von Manstein am 20. November 1941 seine Truppen
an, „Verständnis“ aufzubringen für die „harte
Sühne am Judentum“:
„Das Judentum bildet den Mittelsmann zwischen dem Feind im
Rücken und den noch kämpfenden Resten der Roten Armee und der
Roten Führung ... Das jüdisch-bolschewistsische System muß ein
für allemal ausgerottet werden.“
Verhältnis zum Kapitalismus
Das Verhältnis von Nationalsozialismus und Kapitalismus wird
seit 1933 sehr verschieden beurteilt. Der deutsche Soziologe
Max Horkheimer vertrat 1939 noch vor Kriegsbeginn die
bekannte marxistische Position: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll
vom Faschismus schweigen.
Dem stellte Ludwig von Mises
1947 die Auffassung gegenüber:
The philosophy of the Nazis, the German
National Socialist Labour Party, is the purest and most
consistent manifestation of the anticapitalistic and socialistic
spirit of our age. („Die Ideologie der Nazis, der deutschen
Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, ist die reinste und
konsistenteste Manifestation unseres antikapitalistischen und
sozialistischen
Zeitgeistes.“)
Nach dem Ende des
Kalten Krieges wurden die von ideologischen Vorgaben
dominierten älteren
Faschismustheorien zunehmend differenziert. Neuere
historische Forschungen untersuchen das Verhältnis von
Nationalsozialismus zu Kapitalismus auf drei Ebenen:
-
als
Frage nach den Finanzquellen der NSDAP und den Kreisen, die
Hitler an die Macht brachten,
-
als
Frage nach der Bedeutung antikapitalistischer Elemente für
die Ideologie der Nationalsozialisten,
-
als
Frage nach der tatsächlichen Wirtschaftspolitik des
NS-Regimes 1933–1945.
Finanzquellen der NSDAP
Marxisten sehen die Spendenpraxis deutscher Industrieller wie
Fritz Thyssen und
Emil Kirdorf und die
Industrielleneingabe vom November 1932, die Reichspräsident
Paul von Hindenburg aufforderte, Hitler zum Reichskanzler zu
ernennen, meist als Belege für die Verantwortung der
Großindustrie für die Machtübergabe an Hitler. Der
ostdeutsche Historiker
Eberhard Czichon etwa meinte deshalb, dass „eine
Mehrheitsgruppe deutscher Industrieller, Bankiers und
Großagrarier Hitlers Kanzlerschaft gewollt und organisiert“
habe.
Sein westdeutscher Kollege
Reinhard Neebe betonte dagegen, dass die meisten deutschen
Unternehmer und ihr Dachverband, der
Reichsverband der Deutschen Industrie, nicht Hitler, sondern
die Vorgängerregierungen von
Heinrich Brüning,
Franz von Papen und
Kurt von Schleicher unterstützten.
Diese Sicht untermauerte der US-amerikanische Historiker
Henry Ashby Turner mit Untersuchungen, wonach die NSDAP ihre
Finanzmittel nicht vorwiegend aus Industriespenden, sondern
Mitgliedsbeiträgen und Eintrittsgeldern bezog. Die Großindustrie
habe ihr immer deutlich weniger Geld zukommen lassen als ihren
Konkurrenten
DNVP,
DVP und
Zentrum. Sie habe sich damit auch nur für den unerwünschten
Fall einer NS-Machtergreifung absichern wollen.
Die Großunternehmer gelten daher heute kaum noch als
Hauptverursacher des Aufstiegs der Nationalsozialisten und der
Machtübergabe an Hitler.
Antikapitalismus in der NS-Ideologie
Für die Frage, ob die Ideologie der Nationalsozialisten
antikapitalistisch gewesen sei, liegen sehr widersprüchliche
Quellenbelege vor.
Das
25-Punkte-Programm der Partei von 1920, das Hitler bis 1926
für „unabänderlich“ erklärte, enthielt mehrere
antikapitalistische Forderungen wie
Brechung der Zinsknechtschaft, Verstaatlichung von
Trusts und Gewinnbeteiligung an Großbetrieben. Führende
Nationalsozialisten wie
Otto Strasser, sein Bruder
Gregor und
Joseph Goebbels verwendeten regelmäßig
sozialistische Versatzstücke in ihren Reden. Dem steht
jedoch Hitlers Bekenntnis zum
Privateigentum gegenüber.
Die Frage nach der Rolle des Antikapitalismus in der
NS-Ideologie wird aufgrund der widersprüchlichen Quellen unter
verschiedenen Aspekten diskutiert und sehr unterschiedlich
beurteilt:
Verhältnis zum Privateigentum
Hitlers Bekenntnis zum
Privateigentum erfolgte 1919 privat
und 1926 im
Hamburger Nationalklub öffentlich.
Der Berliner Wirtschaftshistoriker
Albrecht Ritschl macht allerdings auf Äußerungen Hitlers
aufmerksam, die er im März 1942 im Kreise seiner Adjutanten
machte, das heißt ohne Zwang, seine wahren Ansichten zu
kaschieren. Hitler wandte sich hier grundsätzlich „gegen
anonymen Privatbesitz der
Aktie. Ohne selbst etwas dazu zu tun, erhalte der
Aktionär mehr
Dividende, wenn die Arbeiter der
Aktiengesellschaft fleißig statt faul seien oder wenn ein
genialer
Ingenieur an der Spitze des Betriebs stehe“.
Demnach wäre die häufige Ablehnung eines „raffenden“ im
Gegensatz zum lobenswerten „schaffenden Kapitalismus“ von ihm
durchaus ernst gemeint gewesen.
Der ehemalige NSDAP-Politiker und konservativ-bürgerliche
Faschismustheoretiker
Hermann Rauschning warf Hitler in Wirtschaftsfragen reinen
Opportunismus vor: Er habe über keine konsistenten ökonomischen
Überzeugungen verfügt, sondern immer nur seinem Publikum nach
dem Munde geredet.
Der Historiker
Henry A. Turner kommt zu dem Schluss, dass Hitler das
„liberale Konkurrenzprinzip“ und das Privateigentum nur deshalb
bejaht habe, „weil er sie in entstellter Weise in seine
sozialdarwinistische Sicht des Wirtschaftslebens einbauen
konnte“.Für
den Wirtschaftswissenschaftler Ralf Ptak deuten „die
vielfältigen Publikationsmöglichkeiten
ordoliberaler Autoren in diesem Zeitraum auf eine
nationalsozialistische Duldung gegenüber dem ordoliberalen
Projekt“ hin.[22]
Ausschaltung des sozialistischen Parteiflügels und der
Arbeiterbewegung
Albrecht Ritschl verweist auf die schrittweise Ausschaltung des
sozialistischen Parteiflügels zwischen 1930 und 1934 und deutet
die antikapitalistischen Töne als verkappten Antisemitismus.
1931, auf dem Höhepunkt der
Weltwirtschaftskrise, forderte die NSDAP staatliche
Arbeitsbeschaffungsprogramme, um die Arbeiterschaft als
NSDAP-Wähler anzuwerben. Doch zuvor zerschlug das NS-Regime die
organisierte
Arbeiterbewegung in Form der Linksparteien und der
Gewerkschaften. Die NSDAP betrachtete marxistische und
kommunistische Gruppen innenpolitisch als Hauptgegner, so wie
außenpolitisch der Bolschewismus der Hauptfeind war.
Die Alternative, der „nationale Sozialismus“, wurde als „Volksgemeinschaft“
definiert. Diese wurde als „Einheit von Volk und Staat“ unter
der einheitlichen NS-Ideologie und einem „starken Staat“,
gelenkt von einem „Führer“, verstanden. Die Einordnung aller
Staatsbürger in die Arbeitspflicht und die rassisch definierten
nationalen Interessen ließ offen, ob dazu die
Produktionsverhältnisse umgestürzt werden sollten: Dieses
Stichwort fehlte im 25-Punkte-Programm. Als Gegenkonzept zur
Leitidee der internationalen
klassenlosen Gesellschaft im Marxismus, aber auch zur
individuelle Freiheiten schützenden pluralen und
parlamentarischen
Sozialdemokratie gedacht, unterschied es die NSDAP von den
damaligen Programmen aller sozialistischen Parteien.
Egalitäre Prinzipien und Verhältnis zum Sozialismus
Friedrich August von Hayek begreift den Nationalsozialismus
nicht als Entartung des Kapitalismus, sondern hebt vielmehr
hervor, dass sich Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus in
diktatorischen und antiliberalen Grundzügen ähnelten.
Rainer Zitelmann versteht Hitler als „Revolutionär“,
dem die Verbesserung der
Aufstiegschancen der Arbeiter, soweit sie seinen
Rassevorstellungen entsprachen, ein ehrliches Anliegen gewesen
sei. Dabei sei es ihm nicht „um die Ermöglichung der
bestmöglichen Entfaltung des Individuums, sondern um die
Optimierung des Nutzens für die deutsche Volksgemeinschaft“
gegangen.
Gegenüber der Wirtschaft habe er einen „Primat der Politik“
angestrebt, der „auf eine Revolutionierung des Verhältnisses von
Politik und Ökonomie“ hinausgelaufen sei:
Anstelle des kapitalistischen Wirtschaftssystems wollte Hitler
eine gemischte Wirtschaftsordnung etablieren, in welcher markt-
und planwirtschaftliche Elemente zu einer neuen Synthese vereint
wären.
Wenn auch Hitlers oberstes Ziel „seine sozialdarwinistische
Idee vom ewigen Kampf und das völkische Prinzip“ gewesen sei,
sei die „vom Nationalsozialismus ausgelöste soziale Revolution,
deren Inhalt die
Modernität war“, durchaus ernst zu nehmen.
Gegen diese These wandten Wolfgang Wippermann und Michael
Burleigh indirekt ein, dass sie den rassistischen und damit
reaktionären Charakter des NS-Regimes über Gebühr
herunterspiele.
Laut
Joachim Fest ist „die Diskussion über den politischen
Standort des Nationalsozialismus nie gründlich geführt worden“.
Stattdessen habe man „zahlreiche Versuche unternommen, jede
Verwandtschaft von Hitlerbewegung und Sozialismus zu
bestreiten“. Zwar habe Hitler keine Produktionsmittel
verstaatlicht, aber „nicht anders als die Sozialisten aller
Schattierungen die soziale Gleichschaltung vorangetrieben“.
Auch nach Ansicht von
Götz Aly versuchte das NS-Regime, das er als
„Gefälligkeitsdiktatur“ bezeichnet, durch soziale Fürsorge
egalitäre Prinzipien zu verwirklichen.
Wirtschaftspolitik des NS-Regimes
Für die von 1933 bis 1945 praktizierte
Wirtschaftspolitik des NS-Regimes sind die Befunde ebenfalls
widersprüchlich. Auf der einen Seite spricht die
Reprivatisierung der in der
Bankenkrise 1931 de facto verstaatlichten Großbanken eher
für eine prokapitalistische Haltung der Regierung. Die Arbeiten
u.a. von
Avraham Barkai,
Timothy Mason und
Dieter Petzina dagegen zeigen, dass die dirigistischen
Eingriffe in die Wirtschaft unter Schachts „Neuem Plan“ (1934),
unter dem
Vierjahresplan (1936) und vollends die Kriegswirtschaft
unter Rüstungsminister
Albert Speer (ab 1942) vom freien Unternehmertum der
Weimarer Jahre wenig übrig ließen. Der Historiker
Klaus Hildebrand fasst den Stand der Forschung in
Oldenbourg Grundriss der Geschichte zusammen:
Zwar blieben die Betriebe in privaten Händen der Unternehmer,
ohne Zweifel stiegen auch die finanziellen Erträge aus der
Rüstungskonjunktur. Doch wurde das für eine kapitalistische
Wirtschaft verbindliche Prinzip der Zweck-Mittel-Rationalität im
Banne der Rüstungsanforderungen und des Autarkieprinzips auf
Befehl
Hermann Görings mehr und mehr außer Kraft gesetzt.
Gestützt wird diese These von aktuellen ordnungstheoretischen
Untersuchungen: Michael von Prollius beschreibt das
NS-Wirtschaftssystem als „Ergebnis unablässiger Neu- und
Umorganisation […] und zahllosen Lenkungs- und
Bürokratisierungsmaßnahmen“;
für Markus Albert Diehl „entfernte sich die deutsche
Wirtschaftsordnung unter der nationalsozialistischen Herrschaft
immer weiter vom Idealtyp der Marktwirtschaft und entsprach
schließlich weitgehend dem Idealtyp der Zentralplanwirtschaft“.
Der Nationalsozialismus als politische Religion
Ob und wieweit auch religiöse Elemente für die
nationalsozialistische Ideologie konstitutiv waren, ist in der
historischen Forschung umstritten. Verschiedene Strömungen in
der NSDAP reichten vom
Atheismus und
Nihilismus über rassistischen
Neopaganismus bis zur Bejahung oder taktischen Vereinnahmung
eines „positiven
Christentums“ (siehe dazu
Deutsche Christen und
Kirchenkampf). Dass Elemente der NS-Propaganda, etwa der
Führerkult, religionsähnliche Züge trugen, wurde oft
beobachtet. Auf den
Reichsparteitagen wurde der Nationalsozialismus zelebriert,
was durch den Film Triumph des Willens der Regisseurin
Leni Riefenstahl besonders herausgearbeitet und verstärkt
wurde. Das Verhältnis des Nationalsozialismus zur christlichen
Religion blieb daher auch zwiespältig. Einerseits gab es den
Versuch, mit der
evangelische Kirche ein „Deutsches Christentum“ zu
begründen. Andererseits aber gab es antichristliche Elemente bei
Alfred Rosenberg und eine völlige Abwendung vom Christentum
durch die Bezugnahme auf germanische Mythologie, Okkultismus,
Hinduismus und Buddhismus durch Heinrich Himmler, den
Reichsführer SS. Die bereits bei Rosenberg vorhandenen
Bezugspunkte zu Indien wurden in den
SS-Einrichtungen wie den „Ordensburgen“
(die Himmler als Elite des Systems verstand) ausgebaut.
Esoterische Lehren mit deutlichen östlichen Einflüssen
wurden teilweise von der SS übernommen. Himmler betrieb auch
eine Europäisierung der Ideologie. Ein bekanntes Produkt dessen
sind die Freiwilligen-Einheiten der „Europäischen SS“ aus vielen
Ländern.
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