
Übersetzung:
(aus der deutschen Handschrift
"Sütterlin")
Auf dieser Seite werden
wir Ihnen jeden Monat
ein neues Gedicht oder einen Weisheit
eines großen Deutschen Dichters oder
einer berühmten Persönlichkeit vorstellen.


Für alle die sich mit dem
Lesen der Schrift schwertun:
Gedicht des Monats:
Oktober 2009
Richard Dehmel
Sprüche zur Kunst
Künstler, die Welt ist bodenlos.
Wer kühn ist, schöpft aus tiefstem Schooß.
Wer nicht versinkt dabei, ist groß.
Warum dich in die Tiefe begeben?
Nur um zu steigen; nur um zu zeigen,
wie hoch wir schließlich drüberschweben.
Scheint dir das Dasein noch
jenseits vom Schein zu liegen,
und steigst du noch so hoch,
so hast du dich verstiegen.
Gedicht des Monats:
Juni 2009
Wilhelm Busch
Früher, da ich unerfahren
Früher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute.
Später traf ich auf der
Weide
Außer mir noch mehr Kälber,
Und nun schätz ich, sozusagen,
Erst mich selber.
Gedicht des Monats:
Mai 2009
Heinrich Seidel
Wo wohnt das Glück
Sagt mir doch, ihr flinken Schwalben,
Die ihr schweift in hohen Lüften
Ueber Wälder, Seen und Wiesen,
Die ihr kennt den ganzen Umkreis,
Südwärts auch die sonn’gen Länder,
Eure ferne Winterheimath -
Sagt, ihr weitgereisten Schwalben,
Sagt mir doch, wo wohnt das Glück?!
Doch die
Schwalben
streifen lustig
In den sonndurchglänzten Lüften
Auf- und abwärts, hin und wider,
Und sie schwingen sich und schweben
Und sie geben mir nicht Antwort!
Sagt mir doch, ihr schnellen Wolken
In dem fernen Blau des Himmels -
Sagt - ihr wandelt vom Aequator
Zu des fernen Poles Eisnacht
Ueber Berge, über Meere
Und ihr kennt die ganze Erde,
Und ihr schaut in alle Länder -
Sagt, ihr weissen Wanderwolken,
Sagt mir doch, wo wohnt das Glück?!
Doch die Wolken ziehn und weben
Heiter glänzend still vorüber,
Baun sich auf zu Götterburgen,
Lösen sich in Lämmerherden,
Ewig wechseln sie das Schauspiel,
Und sie schwinden und verwehen
Und sie geben mir nicht Antwort!
Sagt mir doch, ihr ew’gen Sterne,
Die ihr schaut mit goldnen Augen
In des Weltalls fernste Tiefen,
Die ihr kennt Millionen Welten
Sagt, ihr uralt klugen Sterne,
Sagt mir doch, wo wohnt das Glück?!
Doch die
Sterne
wandeln schweigend
Durch das unermessne Weltall
Ihren urbestimmten Pfad,
Und sie funkeln und sie scheinen,
Steigen auf und sinken nieder
Und sie geben mir nicht Antwort’.
Alle können es nicht sagen,
Denn so winzig ist sein Wohnort,
Dass sie nimmer ihn erblickten,
Nimmer, denn es wohnt das Glöck
Zwischen Werden und Vergehen,
Zwischen zweien Augenblicken,
Auf der
Spitze
einer Nadel! - -
Gedicht des Monats:
April 2009
von Joachim Ringelnatz
1883 - 1934
Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei
Dichterlingen
"Glockenklingen" sich auf
"Lenzesschwingen"
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten
auch schon presst,
Dann kommt bald das
Osterfest.
Gedicht des Monats:
März 2009
Joseph von
Eichendorff
Komm, Trost der
Welt
Komm, Trost der
Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.
Die Jahre wie die
Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.
O Trost der Welt,
du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ewige Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.
Gedicht des Monats:
Februar 2009
Theodor Fontane
Überlass es der
Zeit
Erscheint Dir
etwas unerhört,
bist Du tiefsten Herzens empört,
bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit,
berühr' es nicht, überlass es der Zeit.
Am ersten Tag wirst Du feige Dich schelten,
am zweiten lässt Du Dein Schweigen schon gelten,
am dritten hast Du's überwunden;
alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.
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