Der
Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag
und gehört zu den „Stillen Tagen“. Er wird seit 1952 zwei Sonntage
vor dem Ersten Advent begangen und erinnert an die Kriegstoten und
Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.
Geschichte
Einführung in der Weimarer Republik
Diskussion um einen Termin

Gedenkfeier im Reichstag 1932

Kriegerdenkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege
Der
Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche
Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen
Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen. 1922 fand die erste
Gedenkstunde im Reichstag statt. 1926 wurde entschieden, den
Volkstrauertag regelmäßig am Sonntag Reminiscere (fünfter
Sonntag vor Ostern) zu begehen.
In
der Weimarer Republik wurde der Volkstrauertag nicht zum
gesetzlichen Feiertag erklärt. Dies hatte mehrere Ursachen:
-
In der Weimarer Verfassung war nicht klar definiert, ob die
Zuständigkeit für die Einführung gesetzlicher Feiertage beim
Reich oder den Ländern lag. Dies führte im Laufe der Jahre zu
unterschiedlichen Regelungen, Terminen und Durchführungen je
nach Land.
-
Hinsichtlich der Termindiskussion gab es lange Zeit Konflikte
mit den beiden großen christlichen Kirchen. Beide verfügten über
ihre eigenen Totengedenktage (Allerseelen bzw. Totensonntag) im
November. Der Vorschlag für den Frühjahrstermin mit dem
Sonntag Invocavit (sechs Wochen vor Ostern) oder dem
Sonntag Reminiscere (fünf Wochen vor Ostern) lag dagegen in
der Passionszeit. Diese war für beide Kirchen ebenfalls wichtig.
So finden in dieser Zeit in vielen evangelischen Gemeinden die
Konfirmationsgottesdienste statt.
-
Die politische Instabilität der Weimarer Republik sorgte dafür,
dass einige Versuche, den Volkstrauertag gesetzlich zu regeln,
im Gesetzgebungsprozess stecken blieben, da der Reichstag
mehrmals vorzeitig aufgelöst wurde.
Diskussion um den Sinn
Der
Volksbund verband mit dem Volkstrauertag die Zielvorstellung, eine
bei allen Deutschen einheitliche Erinnerung an das Leid des Krieges
zu bewirken und so die Deutschen „über die Schranken der Partei,
der Religion und der sozialen Stellung zusammen[zu]führen ..., auf
daß aus den Gräbern unserer fast zwei Millionen Gefallener uns Mut
und Kraft zu segensreicher Arbeit an unseres Volkes und unseres
Vaterlandes Zukunft erwachsen [kann].” Viele Redner und
Kommentatoren knüpften anlässlich des Volkstrauertages an die
Tradition des „Burgfriedens“ und die Euphorie, die eine große Anzahl
der Kriegsfreiwilligen im August 1914 erfasst hatte, an: „Was
wußten sie von Klassenhaß, der heute unser Volk zerfleischt? Nicht
rechts, nicht links gerichtet waren sie, sondern alle nur deutsche
Brüder.“ Nicht zu übersehen war auch der Versuch, aus der
Erinnerung an den Krieg neben dem Appell an die Einigkeit des Volkes
die Botschaft zu vermitteln, dass es das höchste Ideal sei, alles
für das Wohl Deutschlands zu opfern und seine eigenen Ansprüche
zurückzustellen. So sprach der Hamburger Pastor Jähnisch auf der
zentralen Gedenkfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof 1926: „Unsere
Toten mahnen. Und darauf kommt es an. Horche jeder auf den Geist der
Toten und bekenne sich zu ihnen: Selber riefst du einst in
Kugelgüssen: Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!"
Diese Zielsetzung und die zum Teil offen republikfeindlichen Reden
auf den Kundgebungen bewirkten eine mangelnde Identifizierung großer
Teile der Bevölkerung, insbesondere der Anhänger der Republik sowie
der Kommunisten, mit dem Volkstrauertag. So betitelte die
kommunistische Zeitung Der Abend aus Hamburg einen Kommentar
mit der Überschrift „Volkstrauertag – Kriegshetzertag“. Doch
auch diese Gruppen versuchten wie der Volksbund, über ihre
Äußerungen das kollektive Gedächtnis und die Identität der Deutschen
zu beeinflussen. Sie nutzten den Volkstrauertag für wiederholte
Appelle zur Friedensbereitschaft: „Wir geloben, alles daran zu
setzen, daß sich ein solcher Krieg nicht wiederholt.“ sprach bei
der Hamburger Trauerfeier 1928 ein Vertreter der Jungdemokraten. Und
die Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener erklärte 1927:
„Mögen diese Toten (...) die Saatkörner sein, die der Welt den
ersehnten ewigen Frieden geben.“
Wie
unterschiedlich auch die Zielvorstellungen der einzelnen
Gruppierungen waren, alle nahmen sie für sich in Anspruch, den
„Geist“ bzw. die „Botschaft“ aller Gefallenen zu kennen und für die
Gegenwart interpretieren zu können. Auf diese Weise wurde das Ziel,
an diesem Tag alle Deutschen in der Trauer zu einigen, jedoch
verfehlt. Deshalb blieb auch die aktive Beteiligung an den
Feierlichkeiten zu den Volkstrauertagen weitgehend auf Mitglieder
des konservativen und nationalliberalen Milieus beschränkt. Das
linke Milieu zeigte sich zunehmend distanziert bis ablehnend und
auch das linksliberale Milieu äußerte sich kritisch über die
republikfeindlichen Töne und das Hochhalten der Kriegsbegeisterung
vom August 1914. Eine minimale Einigkeit bestand allenfalls darin,
dass keine Gruppierung die generelle Notwendigkeit bestritt, an die
Gefallenen und die Opfer des Ersten Weltkriegs zu erinnern. Alle
waren sich einig, dass der Erste Weltkrieg ein einschneidendes und
tiefgreifendes Ereignis in der Geschichte Deutschlands war. Nur über
die Bewertung dieses Ereignisses und die zu ziehenden Konsequenzen
bestand Uneinigkeit.
Heldengedenktag des Nationalsozialismus

Heldengedenktag 1940 in Berlin: Adolf Hitler schreitet die Front
des Ehrenbataillons der Wehrmacht ab. Hinter ihm von links:
Generaloberst Keitel, Generaloberst v. Brauchitsch, Grossadmiral
Raeder und Generalfeldmarschall Göring (verdeckt), hinter
Generaloberst Keitel General der Infantrie Reinhardt.
Die
Nationalsozialisten übernahmen diesen Gedenktag und legten ihn als
staatlichen Feiertag fest, benannten ihn aber im Gesetz über die
Feiertage vom 27. Februar 1934 in Heldengedenktag um und
veränderten seinen Charakter vollständig: Nicht mehr Totengedenken
sollte im Mittelpunkt stehen, sondern Heldenverehrung. Träger waren
die Wehrmacht und die NSDAP. Propagandaminister Joseph Goebbels
erließ die Richtlinien über Inhalt und Durchführung. Die Flaggen
wurden nicht mehr wie bislang auf halbmast gehisst, sondern
vollstock gesetzt. Im Jahr 1939 wurde der Heldengedenktag auf
den 16. März verlegt, den Tag der Wiedereinführung der Wehrpflicht
1935, wenn dieser Tag auf einen Sonntag fiel. Wenn nicht, sollte er
am Sonntag vor dem 16. März begangen werden. Damit wurde die Bindung
an den christlichen Kalender aufgegeben. Der letzte Heldengedenktag
wurde 1945 begangen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach
Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 1948 in den drei westlichen
Besatzungszonen die Tradition des Volkstrauertages wieder in der
alten Form aufgenommen und nach der Gründung der Bundesrepublik
fortgeführt. In der DDR wurde ein "Internationaler Gedenktag für
die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus
und imperialistischen Krieg" eingeführt. 1950 fand die erste
zentrale Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
im Bundestag in Bonn statt.
In
Abgrenzung zur Tradition des Heldengedenktages wurde 1952
beschlossen, den Volkstrauertag an das Ende des Kirchenjahres zu
verlegen; diese Zeit wird theologisch durch die Themen Tod, Zeit und
Ewigkeit dominiert. Gedacht wird der „Toten zweier Kriege an den
Fronten und in der Heimat“, an die Opfer der Gewaltherrschaft aller
Nationen. Die offiziellen Reden bilden gewöhnlich auch den Anlass
für geschichtspolitische Stellungnahmen von Politikern und namhaften
Vertretern der Öffentlichkeit. In der Regel handelt es sich dabei um
unspezifische Mahnungen zur Versöhnung, zur Verständigung und zum
Frieden.
Die
kirchliche Bezeichnung des Sonntags lautet nicht „Volkstrauertag“,
sondern in der Evangelischen Kirche vorletzter Sonntag des
Kirchenjahres, in der Katholischen Kirche 33. Sonntag im
Jahreskreis.
In
rechtsextremen Kreisen der Bundesrepublik Deutschland wird der
Begriff Heldengedenktag jedoch in bewusster Abgrenzung von
dieser offiziellen thematischen Ausrichtung weiterhin verwendet.
Die Gedenkstunde
Die
zentrale Gedenkstunde zum Volkstrauertag findet jeweils im Deutschen
Bundestag statt. Eine Rede und ein Wort des Bundespräsidenten in
Anwesenheit des Bundeskanzlers, des Kabinetts und des Diplomatischen
Korps ist üblich; ebenso die musikalische Gestaltung, das Spielen
der Nationalhymne und des Liedes Der gute Kamerad.
Angelehnt an die Form der zentralen Gedenkstunde werden in allen
Bundesländern und den meisten Städten und Gemeinden ebenfalls
Gedenkstunden mit Kranzniederlegungen durchgeführt.
Kriegstotengedenken in anderen Ländern

Künstliche Mohnblumen erinnern an die Toten der Weltkriege am
Remembrance Day
Im
britischen Empire (heute: Commonwealth of Nations) wurde nach dem
Ersten Weltkrieg ein nationaler Gedenktag, der 11. November,
eingeführt. Er wird Remembrance Day oder Armistice Day
(deutsch: Waffenstillstandstag) genannt. Armistice Day
deshalb, weil am Ende des Ersten Weltkrieges der Waffenstillstand
von Compiègne besagte, dass die Kriegshandlungen am "Elften Tag des
elften Monats um elf Uhr" enden sollten. In England wird das
Remembrance Day Weekend begangen. Am 11. November werden zwei
Schweigeminuten gehalten. Am nächstgelegenen Sonntag legt das
Staatsoberhaupt in Gegenwart des Premierministers sowie von
Veteranen am Mahnmal Cenotaph einen Strauß mit Mohnblumen
nieder. Künstliche Mohnblumen zum Anstecken werden durch Helfer des
Veteranenverbandes British Legion verkauft und getragen. Die
Mohnblume (engl. poppy) soll – in Anlehnung an das Gedicht
„In Flanders Fields“ des Kanadiers John McCrae – an die vom Blut der
Soldaten des Ersten Weltkrieges geröteten Felder Flanderns erinnern,
weshalb der Gedenktag auch Poppy Day genannt wird. In London
werden in der Nacht zu diesem Sonntag öffentliche Gebäude (blut-)rot
angestrahlt.
In
Kanada wird der Toten am Nationalen Kriegsdenkmal (National
War memorial) in Ottawa gedacht. In den Wochen vor dem
Remembrance Day verteilen Helfer und Mitglieder des
Veteranenverbandes Royal Canadian Legion gegen eine Spende
künstliche Mohnblumen zum Anstecken die von sehr vielen Kanadiern
getragen werden. Die WK I Schlacht um Vimy Ridge gilt als
inoffizielle Geburtsstunde Kanadas. In vielen Provinzen ist der 11.
November ein Feiertag.
In
Südafrika wird der Toten am Sonntag nach dem 11. November am
Cenotaph in Johannesburg und in der Hauptstadt Pretoria gedacht.
In
Australien und Neuseeland wird ebenfalls am 11. November der Toten
gedacht. Außerdem wird am 25. April, dem Jahrestag der Landung auf
der türkischen Halbinsel Gallipoli im Jahr 1915, der ANZAC Day
begangen.
In
den USA wird der letzte Montag im Mai als Memorial Day
begangen. Der am 11. November als Veteran's Day begangene Tag
hingegen dient der Erinnerung und Würdigung der überlebenden
Soldaten der Weltkriege.
In
Belgien und Frankreich ist der 11. November ebenfalls ein
arbeitsfreier Gedenktag.
In
den Niederlanden wird am 4. Mai der Toten des Zweiten Weltkrieges
sowie späterer Militäroperationen gedacht (u.a. die Einsätze der
UN-Friedenstruppen). Dabei kommt die Königin mit Mitgliedern ihrer
Familie und der Regierung nach Amsterdam, wo nach zwei – im ganzen
Land zu beachtenden – Schweigeminuten von 20.00 - 20.02 Uhr eine
Kranzniederlegung stattfindet. Der 5. Mai wird in den Niederlanden
dann als Nationalfeiertag der Befreiung (am 5. Mai 1945) begangen.
In
Georgien ist der Totengedenktag am 9. April ein gesetzlicher
Feiertag.
In
Österreich wird zu Allerheiligen an den Kriegerdenkmälern der Toten
der beiden Weltkriege gedacht.
In
Israel wird alljährlich an Jom haZikaron, nach jüdischem Kalender am
4. Ijjar der gefallenen israelischen Soldaten sowie der Opfer des
Terrorismus gedacht.