
Pontius Pilatus zu Jesus:
„Was ist Wahrheit?“
Der Karfreitag (althochdeutsch: kara
„Klage, Kummer, Trauer“) ist der Freitag vor Ostern. Er folgt auf
den Gründonnerstag und geht dem Karsamstag voraus. Die gläubigen
Christen gedenken an diesem Tag des Kreuzestodes Jesu Christi.
Der Karfreitag wird auch „Stiller“ oder „Hoher Freitag“ genannt. Bei
den Katholiken ist er ein strenger Fast- und Abstinenztag, während
ihn die Evangelischen Kirchen zu den höchsten Feiertagen zählen. Die
Bezeichnung „Guter Freitag“ geht auf Martin Luther zurück. Unter
Einbeziehung des Gründonnerstagabends ist der Karfreitag der erste
Tag der österlichen Dreitagefeier (Triduum
Sacrum oder Triduum paschale).
Bedeutung im Christentum
Der Karfreitag ist im Zusammenhang mit Ostern für die Christen einer
der höchsten Feiertage. An ihm gedenkt die Kirche des Todes Jesu und
erwartet die Feier seiner Auferstehung. Nach ihrem Glauben litt und
starb Jesus als Märtyrer und nahm als „Gottesknecht“ im Kreuzestod
freiwillig die vererbte Sünde und Schuld aller Menschen auf sich.
Durch Tod und Auferstehung Jesu werde allen Menschen erst
Sündenvergebung und damit Errettung aus dem Tod und ewiges Leben
nach dem ermöglicht. Gleichzeitig betont die katholische Theologie
zunehmend die Konsequenz seiner
Gottessohnschaft, deren Botschaft von der Zuwendung des
Schöpfergottes zu den Menschen eben nicht an Gewalt und Tod ihre
Grenzen findet.
Das Karfreitagsgeschehen ist nicht alleine und isoliert zu
betrachten, sondern steht in einer Reihe mit Ostern, Christi
Himmelfahrt und Pfingsten. Nicht der Tod Jesu soll damit alleine das
Große sein, sondern der Sieg Jesu über Hölle, Tod und Grab.
Karfreitagsliturgie
Besonders
für die Liturgiewissenschaft ist die Karfreitagsliturgie der
verschiedenen christlichen Kirchen, Konfessionen und Sekten von
großem Interesse, da sich an ihr der Grundsatz bewahrheitet:
„Älteste Überlieferungen erhalten sich am ehesten in liturgisch
hochwertiger Zeit“ (Anton Baumstark). Der Karfreitag ist eine
liturgisch hochwertige Zeit und zu seinen ältesten überkommenen
Riten zählen hier der Verzicht auf die Eingangsliturgie, die
Verlesung der Passion, die Verwendung von Holzklappern statt
Metallglocken, die Prostratio, die
Improperien
und die typisch römische Fürbittweise,
nämlich die Großen Fürbitten. Denn bereits ab
500 übernahm die römisch-katholische
Kirche unter Papst
Gelasius
die Kyrielitanei aus der orthodoxen Kirche, in deren Liturgie bis
heute noch viele frühkirchlichen Riten
erhalten sind.
Die Feier
In
der römisch-katholischen Kirche

Passionsprozession in Stuttgart-Bad Cannstatt

Das Kreuzigungsbild in Stuttgart-Bad Cannstatt

Das Schlussbild in Stuttgart-Bad Cannstatt
Der
Karfreitag ist eingebunden in die „Dreitagefeier von Leiden, Tod und
Auferstehung des Herrn“, das Triduum Sacrum,
auch „österliches Triduum“ genannt. Es beginnt am Gründonnerstag mit
der Messe vom Letzten Abendmahl und findet seinen Höhepunkt in der
Feier der Osternacht. Als Teil des
Osterfastens
ist der Karfreitag in der Katholischen Kirche ein strenger Fast- und
Abstinenztag. Die Tradition, freitags kein Fleisch zu essen, ist auf
den Karfreitag zurückzuführen.
Wie seit dem frühen Christentum kirchliche Tradition, wird am
Karfreitag keines der mit Festfreude verbundenen Sakramente gefeiert
(„Ecclesia …
sacramenta penitus non
celebrat“), daher auch nicht die
Eucharistie.
Hauptgottesdienst der Liturgie der Lateinischen Kirche ist an diesem
Tag die „Feier vom Leiden und Sterben Christi“. Sie besteht aus drei
Teilen mit unterschiedlichem liturgiegeschichtlichem Hintergrund:
-
Wortgottesdienst mit dem Vortrag
des Passionsevangeliums und den Großen Fürbitten (römische
Tradtion)
-
Erhebung und Verehrung des
Heiligen Kreuzes (aus Jerusalem übernommen)
-
Kommunionfeier (nach altem Brauch
Konstantinopels, seit dem 7. Jahrhundert in Rom bekannt).
Örtlich schliesst sich eine Feier der
„Grablegung Christi“ an.
Der Gottesdienst beginnt gewöhnlich gegen
15 Uhr, zur überlieferten Todesstunde Jesu, im
Bedarfsfall auch zu späterer Zeit. Die liturgische Farbe ist seit
der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht mehr
schwarz, sondern rot. Rot wird hier als Zeichen des im Martyrium
Jesu vergossenen Blutes gedeutet.
Der Wortgottesdienst des Karfreitags bildet den alten und
eigentlichen Kern der „Feier vom Leiden und Sterben Christi“. Er
beginnt nach schweigendem Einzug mit einem stillen Gebet aller,
währenddessen sich die zelebrierenden Priester (und örtlich auch die
liturgischen Dienste) als Zeichen äußerster Demut auf den Boden
hinstrecken (Prostratio), die übrigen Mitfeiernden niederknien. Das
stille Gebet schließt (daher ohne: „Lasset uns beten“) mit der
Oration des Vorstehers und dem „Amen“ der Gemeinde.
Es
folgen biblische Lesungen aus Jesaja 52,14–53,12
EU
und
Hebr
4,14–16;
5,7–9
EU,
dazwischen der Gesang von Psalm 31
EU.
Höhepunkt der Wortfeier ist die Verkündigung des Leidensevangeliums
Christi (Passion) nach dem Evangelisten Johannes, die mit verteilten
Rollen (Evangelist, Christus, Sonstige) erfolgen kann (Joh
18,1−19,42
EU).
Es ist die längste Schriftlesung in der katholischen Liturgie.
Darauf folgen gegebenenfalls eine kurze Predigt und immer die Großen
Fürbitten, welche die Anliegen der Kirche, der Welt und der
Notleidenden vor Gott tragen. Jede der zehn Fürbitten besteht aus
vier Teilen: (1) Gebetseinladung mit Nennung des Anliegens, (2)
stilles Gebet im Knien, (3) zusammenfassende Oration des Vorstehers,
(4) „Amen“ als Ausdruck der Bekräftigung der Bitte durch alle
Gläubigen.
Die Judenfürbitte, deren aus dem Mittelalter stammender und bis ins
20. Jahrhundert gebrauchter Wortlaut als abwertend
empfunden werden konnte, ist heute in einer Form formuliert, die die
Wertschätzung für das Volk Israel, „das du [Gott] als erstes zu
deinem Eigentum erwählt hast“, zum Ausdruck bringt und die
Bestimmung des jüdischen Volkes offen lässt („damit sie das Ziel
erreichen, zu dem sein [Gottes] Ratschluß
sie führen will“). Für die ausschließlich in Ordensgemeinschaften,
die den Gottesdienst in der außerordentlichen Form feiern, erlaubte
Karfreitagsfeier nach dem Messbuch von 1962
hat Papst Benedikt XVI. 2008
den Text der Judenfürbitte neu formuliert. Die neue Formulierung
stieß innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche zum Teil auf
Kritik.

Kreuzverehrung – Adoratio
crucis
Die
Kreuzverehrung (Adoratio
crucis), eine
Sakramentalie,
bildet den zweiten Teil der Feier. Ein Kreuz mit oder ohne
Darstellung des Gekreuzigten wird den Mitfeiernden hoch erhoben
gezeigt („Kreuzerhöhung“) und der Priester lädt alle mit einem
gesungenen Ruf zur Kreuzverehrung ein. Dieser traditionelle
Gebetsruf lautet „Ecce
lignum crucis,
in quo salus mundi
pependit. Venite
adoremus“ – zu deutsch „Seht das Holz
des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen. Kommt, lasset uns
anbeten!“
Dabei wird
entweder ein verhülltes Kreuz in den Altarraum gebracht, dort in
drei Schritten enthüllt und gezeigt. Oder ein unverhülltes Kreuz
wird in Prozession vom Kircheneingang zum Altarraum getragen und
während der Prozession dreimal die Kreuzerhöhung mit dem Aufruf zur
Kreuzverehrung vorgenommen. Danach treten alle Mitfeiernden
prozessionsweise zum Kreuz und verehren es durch die klassischen
Zeichen der anbetenden Kniebeuge und des Kusses. Zunehmend üblich
werden auch Alternativformen der Kreuzverehrung wie das Niederlegen
von Blumen oder das Aufstecken von Kerzen. Von der Enthüllung des
Kreuzes an wird das Kreuz bis zur Osternacht beim Vorüberschreiten
durch eine Kniebeuge geehrt. Verschiedene Gesänge begleiten die
Kreuzverehrung, an erster Stelle ein aus den Ostkirchen übernommenes
Responsorium,
das den österlichen Charakter auch der Karfreitagsfeier erkennen
lässt: „Dein Kreuz, o Herr, verehren wir, und deine heilige
Auferstehung preisen und rühmen wir: Denn siehe, durch das Holz des
Kreuzes kam Freude in alle Welt“. Gebräuchliche Lieder sind auch „Heil'ges
Kreuz, sei hochverehret“ oder die
klassischen
Improperien
und der Hymnus
Pange
lingua gloriosi
proelium certaminis
des
Venantius
Fortunatus.
Gesungen wird
a-cappella,
das heißt, nicht von Instrumenten begleitet.
Die
folgende schlichte Kommunionfeier erinnert daran, dass der
Karfreitag kein Festtag ist, sondern ein österlicher Fasttag (Osterfasten).
Sie wird eingeleitet mit dem Vaterunser und abgeschlossen durch ein
Dankgebet nach dem Kommunionempfang. Da am Karfreitag keine
Eucharistiefeier stattfindet, werden für die Karfreitagskommunion
genügend Hostien aus der Messe vom Letzten Abendmahl am
Gründonnerstag aufbewahrt. Die Feier der Kommunion mit „vorgeheiligten
Gaben“ (Praesanctificata) gehört
seit dem 8. Jahrhundert fest zur Karfreitagsliturgie auch der
Westkirche, der Empfang der hl. Kommunion aber beschränkte sich seit
dem hohen Mittelalter (in Deutschland ab dem
16. Jahrhundert) auf den Klerus, in kleineren
Gemeinden auf den Priester (Laien erhielten auf Wunsch die Kommunion
außerhalb der Feier). Papst Pius XII. stellte
1956
die ursprüngliche Ordnung der Kommunionfeier für die ganze Gemeinde,
Kleriker und Laien, wieder her. Das im deutschsprachigen Raum
mancherorts üblich gewordene Unterlassen der Kommunionspendung am
Karfreitag ist in der geltenden kirchlichen Ordnung nicht vorgesehen
und in der Liturgiewissenschaft durchaus umstritten. Der geistliche
Sinn des Empfangs der Kommunion am Karfreitag ist die innige,
sakramentale Vereinigung der Christgläubigen
mit dem leidenden und sterbenden Christus. Der ganze
karfreitägliche Hauptgottesdienstes
endet mit einem Segensgebet über das Volk.
In
manchen Diözesen, so in Trier, schließt sich die Feier der
Grablegung an. Die Trierer Bistumstradition fügt den drei Teilen
des nachmittäglichen Karfreitagsgottesdienstes somit einen vierten
hinzu. Nach der Kommunionfeier erinnert der Priester an die Abnahme
des Leichnams Jesu vom Kreuz und seine Grablegung. Die Feier der
Grablegung wird in vier liturgische Elemente unterteilt:
Der
Priester liest am Ambo den Schluss der Johannespassion (Joh
19,38-42).
Wegen der Feier der Grablegung endet die Leidensgeschichte nach
Johannes bereits mit den Worten: "Sie werden auf den blicken, den
sie durchbohrt haben." (Joh
19,37).
Nach der Verkündigung des Evangeliums von der Grablegung Jesu legt
ein Ministrant das Kreuz dem Priester auf das über beiden Armen
geschürzte Messgewand. Dieser trägt es zum dem in der Kirche
hergerichteten Heiligen Grab. Er wird begleitet von zwei
Leuchterträgern. Der
Thuriferar
führt die Prozession an, ihm folgen die Ministranten mit den
Klappern und die übrigen, die einen besonderen Dienst ausüben. Wo
die Platzverhältnisse es erlauben, schließen sich die Gläubigen der
Prozession an. Während der Übertragung des Kreuzes kann das
Responsorium "Jerusalem luge" gesungen
werden (siehe "Manuale Trevirense" Seite
157). Statt des Responsoriums
"Jerusalem luge" kann die Gemeinde das Lied "O Traurigkeit, o
Herzeleid" (Gotteslob Nr. 188)
singen. Am Ort der Grablegung legt der Priester das Kreuz nieder. Er
inzensiert
es und bedeckt es mit einem Leinentuch. Währenddessen kann der Chor
das Responsorium "Ecce
quomodo moritur
justus" (siehe "Manuale
Trevirense" Seite
158) oder "Sepulto
Domino" (siehe "Manuale Trevirense"
Seite 159) singen. Der
Ritus kann auch mit dem Gebet aus Gotteslob Nr.
931 enden. Es folgt eine Zeit der Stille. Am Ende
der Feier wendet sich der Priester der Gemeinde zu, breitet die
Hände über sie aus und spricht das Segensgebet. Danach kann der
Priester den folgenden
Versikel
deutsch oder lateinisch singen: "Ihm ist ein Ort bereitet im
Frieden. Seine Wohnung wird sein auf dem Zion." oder "In
pace factus
est locus
ejus. Et in Sion
habitatio ejus".
Der Priester begibt sich mit den liturgischen Diensten direkt in die
Sakristei. Die Gläubigen verlassen schweigend die Kirche.
Zu
passender Zeit wird der Altar abgedeckt. Altartuch und Korporale,
die bei der Kommunionfeier benötigt wurden, werden entfernt. Das
Heilige Grab mit dem dort niedergelegten Kreuz, dem Bild des im Grab
ruhenden Christus, soll am Abend des Karfreitags und am Karsamstag,
dem Tag der Grabesruhe des Herrn, den Gläubigen zugänglich sein.
Das in der Kirche ausgestellte Kreuz (bzw. das im Heiligen Grab
liegende) wird bis zur Feier der Osternacht in der Form verehrt wie
sonst das Allerheiligste, also durch eine doppelte oder (nach
örtlichem Brauch) einfache Kniebeuge.
Neben der
Feier vom Leiden und Sterben des Herrn sind der Kreuzweg, die
Trauermette und die „Andacht von den Sieben Worten (Jesu am Kreuz)“
beliebte Frömmigkeitsformen am Karfreitag. Regional sind auch
Karfreitagsprozessionen üblich, so in Lohr
am Main, in Stuttgart-Bad Cannstatt, Menden (Sauerland). Sehr
verbreitet sind sie in Süditalien und Sizilien, in Spanien –
insbesondere in Andalusien – und in Guatemala. Von überregionaler
Bedeutung sind die Karfreitagsprozessionen in Jerusalem (durch die
Via Dolorosa)
und der unter Mitwirkung des Papstes gestaltete Kreuzweg im
Kolosseum in Rom.

Karfreitagsratsche aus Rottenburg am Neckar,
19. Jahrhundert
In
katholischen Kirchen schweigen nach alter
Tradtion die Orgel und die Kirchenglocken nach dem Gloria der
Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag. Die Glocken
„fliegen“, wie die kindliche Legende sagt, „nach Rom“. An die Stelle
der Glocken treten vielerorts Ratschen bzw. Klappern, mit denen in
vielen katholischen Landstrichen die Kirchgänger nach alter
Tradition auch zu den Gottesdiensten, zum Stundengebet und zum
Angelus gerufen werden.
Am
Karfreitag und Karsamstag brennt das Ewige Licht nicht, und die
Liturgie wird an einem von jeglichem Schmuck entblößten Altar
gefeiert. Die einzigen Kerzen brennen beim provisorischen
Aufbewahrungsort des Allerheiligsten. Andere Leuchter sind nicht
selten mit schwarzem Tüll umwickelt, sofern sie nicht aus der Kirche
entfernt werden können. Seit der Liturgiereform des Zweiten
Vatikanischen Konzils wird am Karfreitag keine
Inzens
mit Weihrauch mehr vorgenommen.
In
den evangelischen Kirchen
Durch die
Konzentration der evangelischen Predigt auf die Bedeutung des
Erlösungswerkes Christi
(Solus
Christus)
und die Theologie des Kreuzes entwickelte sich der Karfreitag
in der Zeit der Lutherischen Orthodoxie zum wichtigsten Feiertag in
den evangelischen Landeskirchen – eine Bedeutung, die er bis in die
zweite Hälfte des 20.
Jahrhunderts beibehielt. Im Zentrum der Feier stand dabei die
Betrachtung der Passionsgeschichte durch Predigt, Gebet und Lieder.
In den von Johannes Bugenhagen
verfassten norddeutschen Kirchenordnungen war festgelegt, dass die
von ihm zusammengestellte Passionsharmonie am Karfreitag zu verlesen
sei. Ein weiteres wichtiges Element der betrachtenden
Vergegenwärtigung war die Kirchenmusik in der Gestalt von
Passionschorälen wie O Haupt voll Blut und Wunden von Paul
Gerhardt. Aus den Passionsmusiken, die die
responsorisch vorgetragene Passionsgeschichte mit einer
belehrenden Einleitung (Exordium)
und einem meditativen Schluss verbanden, entwickelte sich das
Passions-Oratorium (Johannespassion, Matthäuspassion, Lukaspassion).
Nachdem vor
allem die lutherischen Kirchen bis ins 18.
Jahrhundert hinein die vorreformatorische liturgische Praxis – von
einigen als Missbräuchen empfundenen Stücken bereinigt –
beibehielten, änderte sich das mit dem aufkommenden Einfluss
rationalistischer und pietistischer Theologie und Frömmigkeit, in
deren Folge die Deutung des Heiligen Abendmahls als Sakrament stark
an Bedeutung verlor. Das hatte zur Folge, dass im
19. und zu Beginn des 20.
Jahrhunderts nun der Karfreitag einer der wenigen Tage war, an dem
in fast allen evangelischen Kirchen das Abendmahl gefeiert wurde.
Auch heute noch ist der Empfang des Abendmahls an diesem Tag ein
wichtiger Teil der Spiritualität in manchen Gemeinden. In anderen
Kirchengemeinden wird der Karfreitag in altkirchlicher Tradition als
aliturgischer Tag, also ohne Abendmahl,
begangen. Hier spielt dann die Abendmahlsfeier im Oster(nacht)gottesdienst
eine wichtige Rolle. Als liturgische Farbe gilt schwarz, ersatzweise
violett, auch wenn häufig auf jegliche
Paramente
verzichtet wird. Auch Blumenschmuck und Kerzen sind am Karfreitag
eher unüblich. Am Karfreitag – wie auch am Karsamstag – schweigen
mancherorts in Anlehnung an die katholische Tradition die Glocken
oder es läutet nur die größte Glocke (Pulsglocke).
Die
Lesungen sind Verse aus Psalm 22
(Ps
22
LUT),
das Gottesknechtslied aus Jesaja (Jes
53,1-12
LUT),
eine Stelle aus dem 2. Korintherbrief (2 Kor 5,19-21
LUT)
als Epistel sowie eine Kurzfassung der Passionsgeschichte aus dem
Johannesevangelium (Joh
19,16-30
LUT)
als Evangelium. Es kann auch die gesamte Passionsgeschichte nach
Johannes (Joh
18-19
LUT)
gelesen werden. Die Fürbitten werden meist nach dem Muster der
Großen Fürbitten oder auch als Litanei unter dem Kreuz (die
aus der Tradition der Berneuchener
Bewegung stammt) gestaltet.
In
manchen evangelischen Kirchen findet neben dem Hauptgottesdienst am
Morgen oder statt dessen eine
Liturgische Feier zur Todesstunde Jesu um
15 Uhr oder eine Aufführung der Johannespassion oder
einer anderen Passionsmusik in einem gottesdienstlichen Rahmen
statt.
Auch im Familienbrauchtum vieler evangelischer Familien spielt der
Karfreitag eine besondere Rolle durch gemeinsamen Kirchgang und oft
auch ein Fischessen.
In
den Ostkirchen byzantinischer und slawischer Tradition

Russisch-Orthodoxes Segenskreuz
Die
Karfreitagsfeier in den orthodoxen und katholischen Ostkirchen
byzantinischer und slawischer Tradition beginnt in der Regel am
Donnerstagabend mit dem Morgengottesdienst (Orthros/utrenja).
Dieser Gottesdienst – im Volksmund oft einfach „Die zwölf
Evangelien“ genannt – wird von zwölf
Evangelienlesungen bestimmt. Die offizielle Bezeichnung
lautet „Akoluthia
der heiligen Leiden“. In dem Gottesdienst werden die Passionstexte
aus den vier Evangelien gesungen, außerdem fünfzehn
z.T. altkirchliche
Antiphonen
und
Kathismen.
Der Kanon dieses Gottesdienstes stammt von
Kosmas von Majuma und ist ein
Musterbeispiel aus der Zeit der zweiten Hochblüte byzantinischer
Kirchendichtung im 7./8. Jahrhundert. In der griechischen, aber z.B.
auch in der rumänischen Tradition hat der Gottesdienst einen
besonders dramatischen Höhepunkt mit dem Gesang des
15.
Antiphonon. Hier wird ein Kruzifix aus der Nordtür der
Ikonostase
in die Mitte der Kirche getragen und dort befestigt. Daran schließt
sich die Verehrung des Kreuzes durch die Gemeinde an. Der Text der
ersten Strophe des 15.
Antiphonon
lautet:
„Heute hängt am Holz, der die Erde in die Wasser gehängt hat.
Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel.
Lügenhaft wird mit Purpur verhüllt, der den Himmel mit Wolken
verhüllt.
Schläge hat empfangen, der im Jordan den
Adam befreite.
Mit Nägeln wurde befestigt der Bräutigam der Kirche.
Mit einer Lanze wurde durchbohrt der Sohn der
Jungfrau.
Wir verehren deine Leiden, Christus.
Zeige uns auch deine herrliche Auferstehung!“
Die nächsten Gottesdienste, die am Freitagmorgen gefeiert werden,
sind die „königlichen Stunden“. Bei ihnen wird in der griechischen
Tradition die Abbildung Christi vom Kruzifix, das am Abend zuvor in
der Kirche aufgestellt wurde, abgenommen und in ein weißes Tuch
gehüllt.
In
der anschließenden Vesper erfolgt die feierliche Auslegung des
Grabtuchs Christi (epitaphios/plaschtschanica)
in der Kirche. Dieses verbleibt dort bis zum Osterfest als Ort, an
dem die Gläubigen den ins Grab gestiegenen Christus verehren.
Am Abend
des Karfreitag findet die Prozession des
Epitaphios
(plaschtschanica) statt. In den
ostkirchlichen Karfreitagshymnen finden sich zahlreiche Vorgriffe
auf die Auferstehung.
Als besonderes Zeichen der Stille im Angesicht des Todes wird am
Karfreitag keine Eucharistie gefeiert. Die Konstantinopler Tradition
angehörende karfreitägliche
Kommunionfeier (Liturgie der vorgeheiligten
Gaben) verschwand im 15.
Jahrhundert, örtlich bereits etwas früher.
Der einzige Fall, in dem am Karfreitag eine volle Liturgie gefeiert
wird, ist, wenn dieser mit der Verkündigung des Herrn am
25. März zusammenfällt; für diesen Fall gibt es eine
spezielle vereinigte Liturgie der beiden Feste. Anders als die
lateinische Tradition kennen die Ostkirchen keine Umlegung von
Feiertagen.
Der Karfreitag ist in den orthodoxen Kirchen strenger
Fastentag. Wenn überhaupt gegessen wird,
so beschränkt sich das auf einfachste fettfreie pflanzliche
Lebensmittel (in der Praxis halten sich jedoch bei weitem nicht alle
Gläubigen daran).
Staatliches Recht
In
Deutschland und den meisten Kantonen der Schweiz ist Karfreitag ein
gesetzlicher Feiertag. In Österreich und Luxemburg ist der
Karfreitag kein gesetzlicher Feiertag für die Allgemeinheit, nur
evangelische Christen, Altkatholiken und Methodisten haben in
Österreich an diesem Tag arbeitsfrei.
Insbesondere viele Nichtchristen kritisieren das am Karfreitag wie
auch an anderen „stillen Tagen“ geltende Tanzverbot in Deutschland,
welches auch für sie gilt. Es verbietet verschiedenartige
öffentliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel Tanz- oder
Sportveranstaltungen, an diesem Tag abzuhalten, selbst wenn man sich
nicht dem Christentum verbunden fühlt. Selbst Theater müssen in
ihrem Spielplan den Karfreitag berücksichtigen, reine Komödien
dürfen nicht gespielt werden. In Bremen z. B. bleibt die
traditionelle „Osterwiese“, eine Kirmes mit Fahrgeschäften etc., am
Karfreitag geschlossen, ebenso in Hamburg der „Frühlingsdom“. Es
wird von Nichtchristen argumentiert, dass es jedem selbst überlassen
sein sollte, wann man sich zu einer Tanzveranstaltung begibt,
außerdem dürften Nichtchristen im Zuge der Religionsfreiheit
christliche Vorgaben nicht aufgezwungen werden.
Die christlichen Kirchen argumentieren, dass öffentlicher Tanz ohne
Beeinträchtigung der Nachbarn nicht möglich sei, und sie erwarten
deshalb Rücksichtnahme auf den stillen Charakter des Karfreitags.
In
der Praxis wird das in verschiedenen Ausprägungen in allen
Bundesländern gültige Tanzverbot auch je nach Bundesland oder
Gemeinde unterschiedlich durchgesetzt. Es kann durchaus vorkommen,
dass es gar nicht angewandt wird und z. B. Diskotheken ohne
Einschränkungen öffnen, während andernorts etwaige
Tanzveranstaltungen polizeilich geschlossen und als
Ordnungswidrigkeit geahndet werden.
In
Bayern dürfen die Gemeinden für den Karfreitag im Gegensatz zu allen
anderen Sonn-, Feier- und stillen Tagen keine Befreiungen von den
Verboten des Gesetzes über den Schutz der Sonn- und Feiertage
erteilen.